Interkulturelle Gärten

Ein Bericht von Susanne Loidl

Dr. Christa Müller

Die Soziologin Dr. Christa Müller, Leiterin der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis gemeinnützige GmbH, führte die Anwesenden in die Thematik „Urbanes Gärtnern“ ein.

 

Vor allem in den Städten haben immer weniger Leute einen eigenen Garten, jedoch wird das Bedürfnis nach einem Stück Natur bei vielen immer größer. Aus dieser Sehnsucht heraus entstanden bereits vielfältige Ideen und „Versuchsgärten“, wie man auch ohne Garten Gärtnern kann. Es gibt geradezu eine Bewegung des Gärtnerns ohne konventionellen Garten, Gärtnern ist trendig und es kommt immer mehr zum interkulturellen Austausch.

Es gab eine Zeit, da war es ein Zeichen des Wohlstands, sein Gemüse im Supermarkt einzukaufen. Jetzt legen immer mehr Leute Wert darauf, Obst und Gemüse selber anzubauen. Nicht nur, dass das Spektrum der Fruchtarten und -sorten im Eigenanbau ungleich größer sein kann, die Gärtner/innen kennen ihre Pflanzen und nehmen durch die Pflege unmittelbar Einfluss auf die Pflanzen- und Fruchtqualität.

 

Der Garten ist ein Ort, an dem sich Menschen begegnen, die ansonsten im Berufs- oder Privatleben wohl kaum in Berührung gekommen wären. Auch wenn es auf den ersten Blick mit Schwierigkeiten verbunden zu sein scheint, Menschen mit unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen zusammenzuführen, so zitierte Dr. Christa Müller den äthiopischen Agraringenieur Tassew Shimeles, der von der „grünen Sprache der Völker“ spricht, die ein Miteinander ermöglicht. Lernen wird durch intensives Üben optimal gefördert bzw. gefestigt und hierfür ist die Gartenarbeit ein ideales Übungsfeld.

 

Gemeinschaftsgärten bieten Menschen die Möglichkeit:

  • Ein Stück Heimat-Erde finden und pflegen; Heimat woanders wiederzufinden und neu zu verknüpfen hat heilende Wirkung.
  • Mit Menschen in Kontakt treten.
  • Erfahrungen austauschen, Neues lernen, anderen etwas vom eigenen Wissen weitergeben.
  • Lernende und Lehrende sein.
  • Anerkennung für eigene Kompetenzen und Leistungen.
  • Gegenseitige Unterstützung und Hilfe.
  • Erwirtschaftete Überschüsse teilen, etwas verschenken können.
  • Gastfreundschaft anbieten und erleben dürfen.
  • Bei unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Bildung etc. auf gleicher Augenhöhe mit anderen Gärtner/innen.
  • Körperliches Wohlbefinden durch körperliche Betätigung.
  • Gemeinsam zu schaffen verbindet mehr, als „nur“ miteinander zu sprechen.
  • Selbstversorgung ist kaum zu schaffen, aber so weit wie möglich sich selber mit hochwertigen Lebensmitteln versorgen.
  • Sich von Natur und Menschen angenommen fühlen.
  • Gärtner/innen und Gärten haben ein hohes Ansehen in der Gesellschaft, achtsamer Umgang und Respekt wird erlebt.
  • Wetter / Natur als regulierende Größe akzeptieren, Naturzusammenhänge wieder-entdecken.
  • Entschleunigen und bewussteres Wahrnehmen erleben.
  • Arbeiten mit Erde ist kulturübergreifend und vertraut; Freude, Vertrautes zu entdecken.
  • Tausch von Ernte-Überschüssen, Samen, Rezepten …
  • Vielseitiges Betätigungsfeld, außer „Gärtnern“ auch Arbeiten mit Holz, Wege anlegen, Kochen, gemeinsame Feste organisieren …
  • „Wurzeln schlagen in der Fremde“

Damit ein Gemeinschaftsgarten gut funktioniert, nannte Dr. Christa Müller noch einige Tipps:

  • Zukünftige Gartennutzer/innen möglichst früh in die Planung einbinden und deren Wünsche und Ziele „hören“, ggf. Dolmetscher einschalten.
  • Kontakt zu allen pflegen, damit sich niemand vor den Kopf gestoßen fühlt.
  • Vor allem Familien haben großes Interesse an Gärten, versuchen, die ganze Familie nach Können und Neigung mit einzubinden.
  • Publikum am Gartenzaun zum Besuch einladen, potenzielle zukünftige Mit-Gärtner.
  • Von Anfang an gute Umgangsformen pflegen, die durch Respekt und Achtsamkeit geprägt sind.

 

In Gemeinschaftsgärten können auch andere Themen aufgegriffen werden, als nur das Gärtnern an sich. So können beispielsweise Bienenstöcke aufgestellt und zur Honigernte ein Honigfest veranstaltet oder Kerzenziehen angeboten werden.

 

Wer einen Gemeinschaftsgarten gründen möchte, kann sich hierzu bei anstiftung.de informieren, von den gesammelten Erfahrungen anderer Gemeinschaftsgärten profitieren sowie ggf. eine finanzielle Unterstützung für eine Grundausstattung beantragen.

 

Abschließend brachte Dr. Christa Müller ihre Ausführungen noch einmal auf den Punkt: Integration und Gemeinschaft ist nur auf Augenhöhe möglich. Wenn dies gelingt, ist es für alle Beteiligten eine Bereicherung. Es gibt nicht eine Musterlösung für alle Gemeinschaftsgärten, sondern jede Gartengemeinschaft muss gemäß ihren Gegebenheiten, Wünschen und Schwerpunkten ihren eigenen Weg finden, doch es ist ein Weg, den zu gehen es lohnt!

 

Beispiel: Internationaler Stadtteilgarten Hannover (Fotos: Cornelia Suhan)