Welt- und Asylgärtner sein

Dr. Josef Heringer
Dr. Josef Heringer

Der Freitagabend des zweiten Moduls war den Themen „Asylgärten“ und „Weltgärtner sein“ gewidmet, welche Landschaftsökologe Dr. Josef Heringer äußerst mitreißend und aufrüttelnd nahe zu bringen wusste.

Ihm ist es ein persönliches Anliegen, durch das Gärtnern Entwicklung und Frieden in die Welt zu bringen. Asyl ist ein anderes Wort für Unterkunft und Bleibe. Die Menschen, die heimatlos sind, brauchen nicht nur Unterkunft und Nahrung, sondern auch einen Ort wo sie „Wurzel schlagen“ können und eine „Augenweide“ für Körper und Seele und schlichtweg eine Perspektive für ihre Zukunft.

 

Der Landschaftsökologe möchte Lust auf eine Weltsicht wecken, die die Erde als Garten und Ganzes sieht. Mit Freude und Neugier soll der Blick über den Gartenzaun wandern, denn jede Kultur hat ihre Schwerpunkte und Besonderheiten und wir alle können voneinander lernen und uns gegenseitig bereichern (Abb.1).

Abb. 1:  Pflanzentausch mit bengalischen Gärtnern scheint ungewöhnlich, doch viele unserer Gemüsearten haben „Migrationshintergrund“ . Aus orientalischen Gärten kam vieles zu uns und wandert im Tausch als „Neuentdeckung“ wieder zurück um die Nahrungsdecke von Ländern mit viel Bevölkerung und wenig Boden zu bereichern.

Heimatsuchende können durch Gärtnern mit Pflanzen aus ihren Herkunftsländern leichter mit einem neuen Wohnort vertraut werden. Vielen ist nicht bewußt, dass fast alle europäische Kulturpflanzen einen Migrationshintergrund haben, gleich dem, der den derzeitigen Heimatsuchenden eigen ist.

 

Gärtnern als solches wird heute vermehrt auch als Freizeitsport angesehen. Der Mensch ist an der frischen Luft in Bewegung und gelangt dadurch zu körperlichem Wohlbefinden. Die so dominante virtuelle Welt im Berufs- und Freizeitleben braucht ein reales Gegengewicht im Garten. Es gilt: „Kreatives Gärtnern wider digitale Demenz“ zu pflegen.

Der Gärtner ist nicht der letzte von gestern, sondern der erste von morgen und er weiß „was ihm blüht“.  Der Kreislauf der Natur ist ihm vertraut und er weiß, dass er heute den Boden gut vorbereiten und pflegen muss, damit er zukünftig säen und gut ernten kann (Abb.2).

Abb.2: Gärtner sollten mehr stolzes Selbstberwußtsein haben. So findet sich in der amerikanischen Elite-Universität Harvard in Boston-Chambridge in der Campus-Mitte der Harvard-Community-Garden. Man sieht: Nicht nur Studenten sondern auch Gemüsearten machen Karriere!

Die Kultur des Menschen hat ursprünglich mit dem Gärtnern zu tun, denn sie kommt vom lateinischen Wort „colere“ was soviel heißt wie „bebauen, pflanzen pflegen, verehren“. Da die Jagd und das Sammeln den Nahrungsbedarf eher unzuverlässig und oft ungenügend gedeckt hatte, wechselte er in der Jungsteinzeit in die Seßhaftigkeit und wandte sich dem Anbau von Pflanzen zu. Der eingezäunte Garten ist älter als die offenen Feldern der Bauern, dabei diente der Zaun als Schutz vor freilebenden Tieren. Erst als diese eingegrenzten Gartenstücke zu klein wurden, legten die Bauern größere Ackerflächen auf offenen Feldern an.

Doch auch in den damaligen Zeiten wollten die Menschen nicht nur satt werden. Sie sehnten sich ebenfalls nach Freude, nach Lebenslust und schlichtweg nach einem Anlass zum Feiern. Deshalb kam zum „täglichen Brot“ auch seine vergorene Form als festliches Bier.

Der frühere „Garten Eden“ ist heute eine stark durch Wüste geprägt Region und mit einer hohen Bevölkerungsdichte. Im Laufe der Weltgeschichte ist immer wieder zu beobachten, dass ein Volk, je schlechter es ihm geht, desto mehr Kinder hat. Die Zahl der Weltbevölkerung steigt insgesamt stetig. Doch die Ackerflächen zur Nahrungserzeugung werden immer weniger und derzeit sind nur noch etwa 11% der Erdoberfläche gut fruchtbarer Boden. Wind, Wassererosion, Versalzung, Chemie und Verminung tragen ständig zum Verlust fruchtbarer Bodenflächen bei.

Europa hat etwa die Hälfte der Nutzflächen, für den enormen Bedarf seiner Einwohner,  im Ausland. Im Durchschnitt  hat jeder Deutsche einen Flächenbedarf von ca. 5 Hektar (Abb. 3). Alleine schon für den ruhenden und fließenden Verkehr braucht jedes Auto um die 500 qm. Dr. Josef Heringer rief auf, das eigene Land wieder verstärkt zum Garten zu machen.
Als Beispiel nannte er das erprobte Agroforstsystem, das den Boden- und Luftraum in mehreren Etagen zu nutzen weiß und an Produktivität unübertroffen ist:

  • Obstbäume werden als Obst-, Honig- und Holzquelle genutzt
  • Beerensträucher dienen in der Zwischen-Etage ebenfalls der Nahrung
  • Grasflächen unter Bäumen können beweidet oder gemäht werden und dienen den  Nutztieren und somit dem Menschen zur Nahrung
  • Unter lichtem Baumbewuchs ist auch Gemüseanbau möglich

 

Abb.3: Wir leben hierzulande auf zu „großem Fuße“ und machen zu wenig die Rechnung mit unserem „Wirt“, der Erde. Wir sollten – damit wir uns nicht „zu viel Kraut herausnehmen“ in unseren Gärten vermehrt solches anbauen und nicht auf Kosten anderer leben.

Landwirte können durch Gemüseanbau (Feldgemüse wie Kohl, Rüben, Kartoffeln), Beerensträucher bzw. Obstbäume und Bienenhaltung ihre Produktpalette neben der meist klassischen Viehhaltung stark erweitern und über regionale Märkte oder einen eigenen Hofladen vermarkten.

 

Vielen ist nicht bewusst, dass Schweine und Rinder Nahrungskonkurrenten des Menschen sind. Der Referent möchte mit dieser Aussage jedoch nicht zum kompletten Verzicht auf Fleisch aufrufen, jedoch für einen bewussteren Umgang mit der beschränkten Ressource Boden und zum mitweltkonformes Konsumverhalten sensibilisieren.

Die Anbaufläche, die z.B ein Tier bis zur Schlachtreife als Nahrungsquelle benötigt und der damit verbundene Wasserverbrauch bzw. der aus dem Schlachtvieh entstehende Nährwert steht in keinem Vergleich zu dem Nährwert und Wasserverbrauch, würde man die gleiche Anbaufläche mit Getreide und Gemüse bewirtschaften und unmittelbar als Nahrungsmittel verwenden. Die Erde hat genug für jedermanns Bedarf aber nicht für jedermanns Gier und Genuss-Sucht.

In Kriegszeiten und anderen Hungersnöten besinnen sich die Menschen wieder auf das Gärtnern als Basis der Ernährung, so geschehen 1945 als Gärtnern auf dem Reichstagsgelände in Berlin als Notform des „Urban Gardenings“. Jedoch vergessen viele die Weisheit „Du musst den Garten anlegen, bevor Du Hunger hast“, denn jede Pflanze braucht ihre Zeit des Wachsens und Gedeihens, bevor der Gärtner mit einer Ernte belohnt wird.

Neben der Nahrung und dem Wasser geht weltweit der Menschheit die Arbeit aus. Gärtnerische Tätigkeit bietet sich als wichtiger Teil der Lösung an. Gärtner sind keine Agroindustiellen, die mit Großtechnik und Chemie Arbeitskräfte freisetzen sondern mit viel Muskelkraft und Mitteltechnik kleinflächig wirtschaften und optimal erzeugen (siehe Abb. 4). Am Beispiel einer Vereins-Streuobstwiese kann gezeigt werden, wie vielfältig deren ökosozialer Nutzen sein kann:

  • Obst, Most, Dörrobst, Kuchen, Marmeladen, Schnaps, Kletzen
  • Baumschnitt-, Veredelungs- und Sensenkurse, Vogelwanderung, Nistkastenbau
  • Obstholz (Artefakte), Edelholz Schnitzen / Drechseln, Möbelbau, Brennholz
  • Klettern, Schaukeln, Insektenbeobachtung, Feste feiern in der Gemeinschaft

 

Abb. 4: Die meisten Bauern der Welt sind mit 1,6 ha Durchschnittsfläche nach wie vor eigentlich Gärtner, die auf kleiner Fläche mit Liebe, Umsicht und Kenntnis viel mehr und bessere Produkte erzeugen als die agroindustrielle Form der Landnutzung.

Nach Ansicht von Dr. Josef Heringer zitierte in diesem Zusammenhang Mahatma Gandhi der aufrief  „Nicht Massenproduktion sondern Produktion durch Massen schafft Zukunft“. Das handwerkliche und kulturell geprägte Können sollte nicht ab-erzogen und maschinell ersetzt werden. Im übertragenen Sinn bedeutet das für Gärtner, auch weiterhin mit Liebe und technischer Raffinesse zu arbeiten, Ressourcen optimal zu nutzen und gärtnerisches Wissen zu bewahren und weiterzugeben. Ressourcen sinnvoll genutzt macht wirkliche Freude und wiegt manchen Verzicht leicht auf. So kann z.B. die Sonnenenergie technisch mit Solarzellen genutzt und der biologische „Sonnenfang“ durch das Blattgrün der Pflanzen betrieben werden und einem dabei „ein Licht aufgehen“ (Abb.5).

 

Abb. 5: Diese Kleingartensiedlung in Petting (Landkreis Traunstein) ist ein gutes Beispiel für ertragreiches, sozialwirksames Gärtnern im Umfeld der Kirche. In den höheren Licht-Etagen wächst Kern- und Steinobst, im Mittelfeld wachsen Beerensträucher und auf dem Boden diverses Gemüse.

Bevor Energie und Motivation bei der Bekämpfung von Giersch, Löwenzahn und Co. verpufft, sollte man diese gesunden und vitalen Kräuter lieber essen und genießen (Abb.6). „Entfeindung“ ist angesagt! Der Referent empfahl hierzu eine Aktion zu inszenieren und die Lebensfreude der Gärtner zu wecken und das Bild bzw. die Erwartungshaltung des allzu perfekten Gartens mit „englischem Rasen“ zu entschärfen. Hierzu gehört auch die Relativierung von „Kraut und Unkraut“, „schädlich – nützlich“.

 

Abb.6: Wiesen- und Waldläuferkunde bringt viele geschmackliche Entdeckungen und läßt sich gar zum „Green-Mack“ formieren. Gärtner sind Trendsetter und treffen den „Geschmack der Zeit“.

Dr. Josef Heringer führte vor einigen Jahren in Rosenheim eine Aktion mit Jugendlichen durch. Dabei konnte die Jugend ihre Kräfte einsetzen, um Teerflächen aufzureißen und im Anschluss diese neu geschaffenen Anbauflächen wieder zu begrünen. Für die Jugendlichen war es eine befreiende Erfahrung, mit ihrer Hände Arbeit eine scheinbar massive Teerdecke zu durchdringen, Erde zu „entkrusten“ und neu bepflanzt an die Natur zurückzugeben.

 

Wer gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, solle vermehrt auf Lehrkräfte zugehen und gemeinsame Aktionen anbieten. Viele Menschen verfügen über kaum oder sogar keinerlei gärtnerische Erfahrungen, daher haben sie Hemmungen, sich mit dem Thema Garten auseinander zu setzen. So sind Lehrkräfte in aller Regel dankbar, wenn seitens eines Gärtners die praktische Arbeit im Garten ermöglicht und erklärt und eingeübt wird. Vor allem bei Kindern hinterlässt es einen ungleich größeren und bleibenden Eindruck, wenn sie Pflanzen ansäen, pflegen und „be-greifen“ können statt alles „nur“ in der Theorie vermittelt zu bekommen.

 

Abb. 7.: Das Gärtnern mit Kindern ist Lebensfreude pur und sollte vermehrt die Gärten und Garten-Senioren beleben.  „Leben will leben inmitten von Leben, das leben will“ (Albert Schweitzer), selbst mit Rollator kann man zwischen Hochbeeten herumkutschieren und Kindern das schmackhafte Leben näher bringen

Nachdem der Redner zuvor doch auf einige Missstände unserer Zeit hingewiesen hatte, die als „Mist“ ökologisch veredelt zu gutem Nährboden für die Zukunft werden können, schuf er mit folgenden Worten ein hoffnungsvolles Abschluss-Bild:

 

„Bäume tragen den Himmel und die Zukunft -

mit jedem Gewächs ist Hoffnung und ein Stück Perspektive verbunden“

 

Abschließend betonte Dr. Josef Heringer, dass er Gärtner als Anstifter zu mehr Lust im Leben sieht. „Lust“ kommt sprachgeschichtlich von „Laub“ und hierfür sind zumal die Gärtner zuständig. Es sind diese positiven Aktionen im Garten, die die Erde braucht, damit sie nicht zum Schlachtfeld wird. Er wünscht sich für die Zuhörer und die ganze Welt, dass wir es gemeinsam schaffen, mit „weniger besser und kreativer zu leben“.

 

Foto: Alle Fotos sind von Dr. Heringer, bei Abbildungen anderer Art ist die Quelle kleingedruckt angegeben.