Obstbaumschnitt – verständlich für jedermann

BV-Exkursion 2016 für Gartenpfleger

Begrüßung durch Heinz Huber
Begrüßung durch Heinz Huber

Heinz Huber begrüßte die 30 Interessierten, die zu dieser Veranstaltung ins Bayerische Obstzentrum in Hallbergmoos gekommen waren. Selbst wurde er auf dieses Unternehmen aufmerksam, als er sich für die Bepflanzung der Landesgartenschau in Pfaffenhofen auf die Suche nach geeigneter Pflanzenware machte.

Dr. Michael Neumüller, langjährig erfahrener Diplom-Agraringenieur und Obstzüchter, stellte kurz seinen Betrieb vor. Es handelt sich hierbei um eine Kombination aus Forschung, Züchtung und Praxis rund um das Thema Obstgehölze. So betreibt das BayOZ nicht nur die Züchtung neuer Sorten, sondern befasst sich u.a. auch intensiv mit der Bekämpfung von Schädlingen und Krankheiten. Anzucht und Verkauf, Beratung und Fortbildung sowie der Hofladen bilden weitere Standbeine des Betriebs.

Obstbaumschnitt – Warum?
Obstgehölze sind Kulturgewächse, die viel Pflege benötigen, ansonsten verkümmern sie. Gärtnerisches Wissen alleine reicht nicht aus, sondern erst eine ausdauernde Zuwendung sichert den langfristigen, guten Ertrag eines Obstbaums.

 

Dr. Michael Neumüller zeigt das waagrechtstellen der noch biegsamen Triebe
Dr. Michael Neumüller zeigt das waagrechtstellen der noch biegsamen Triebe

Obstbaumschnitt – Ziele

  • Frühe Fruchtbarkeit
  • Alternanz vermeiden
  • Tragfähiges Fruchtgerüst
  • Licht- und luftdurchlässige Baumkrone (vereinfacht: je mehr Licht an der Frucht, um so besser der Geschmack)
  • Kronenform entsprechend der Platzverhältnisse optimieren
  • Krankheiten vermeiden, wie z.B. Pilze und Krebs
  • Erhaltung des Baums in der Ertragsphase

Wenn ein alter, krankheitsbefallener Baum in der näheren Umgebung Jungbäume als Überträger bedroht, ist es durchaus eine sinnvolle Hygienemaßnahme, den alten Baum zu fällen und dadurch den „Nachwuchs“ zu schützen.

Der Winterschnitt und das Waagrechtstellen wirken sich nicht im unmittelbar folgenden Frühjahr auf die Blütenbildung aus, sondern erst im darauffolgenden.

Als guter Zeitpunkt für den Winterschnitt bietet sich der März an. Günstiger ist eher ein späterer als ein zu früher Schnitt, damit der Baum in der Lage ist, die Schnittwunden zu schließen und sich somit vor Infektionen zu schützen.

 

Kronenerziehung

Die bekannteste Methode ist das Schneiden. Dabei wird der Aufbau des fruchttragenden Gerüstes vorangetrieben. Jeder Schnitt regt eine neue Triebbildung an. Je umfangreicher geschnitten wird, desto stärker wird die Triebbildung angeregt.

Durch Formen, also das Waagrechtstellen der Zweige, kann das vegetative in ein generatives Wachstum umgelenkt werden. Dadurch beruhigt sich das Wachstum der Triebe, die Blütenbildung wird verstärkt.

Bei Hoch- und Niedrigstamm sind eine senkrechte Stammverlängerung und 3 bis 4 Leitäste auszuwählen. Konkurrenztriebe und nach innen wachsende Triebe können entfernt werden. Der Schnitt bei den Leitästen selbst sollte in der Saftwaage sein, damit keiner dominiert, der Schnitt der Stammverlängerung befindet sich etwas höher.

 

Blütenansatz bei Obstgehölzen:
An waagrechten Trieben wachsen weniger und kürzere Seitentriebe à viel Blütenansatz.
An senkrechten Trieben wachsen mehr und steilere Seitentriebe, Schosstriebe à wenig Blütenansatz.

Ausnahmen dazu stellen Sauerkirschen und Pfirsiche dar.

 

Obstsorten und Wuchsformen

Vor der Auswahl eines Obstgehölzes sollten die Voraussetzungen am Standort geprüft werden. Dazu zählen u.a. die Bodenbeschaffenheit (Bodenprobe und ggf. mit entsprechendem Dünger optimieren) und die Lichtverhältnisse. Wichtig sind auch die Platzverhältnisse, welche häufig unterschätzt werden. Ein Hoch- sowie ein Mittelstamm haben jeweils einen Platzbedarf von etwa 50m², was in den heutigen Hausgärten kaum noch gegeben ist. Dagegen sind Buschbäume mit ca. 5m² und Spindel mit 2 bis 5 m², je nach Sorte, für Kleingärten deutlich besser geeignet.

Über die Wüchsigkeit und ausgewachsene Größe eines veredelten Baumes entscheidet die Unterlage. Die Ernte (Geschmack, Lagerfähigkeit, Fruchtgröße etc.) bestimmt sich durch die Edel-Sorte, die aufgepflanzt wird. Bei guter Qualität sind im Verkauf sowohl die Unterlage als auch die Edelsorte auf dem Etikett ausgewiesen.

Die Wuchskraft der Unterlage und die zur Verfügung stehenden Platzverhältnisse müssen übereinstimmen, damit sich der Baum langfristig gut entwickeln und sinnvoll gepflegt werden kann. Ein Obstgehölz auf einer starkwachsenden Unterlage als Spindel zu formen wird nie ein befriedigendes Ergebnis bringen.

 

Vorzüge kleiner Obstgehölze

  • Sehr früher Ertragsbeginn
  • Geringer Platzbedarf
  • Einfache Kronenerziehung
  • Schädlingsbekämpfung mittels einem Netz ist deutlich leichter als bei großen Gehölzen
  • Hoher Anteil hochwertiger Früchte wegen gutem Lichteinfall
  • Auf der gleichen Fläche, die ein Halb- oder Hochstamm beansprucht, finden problemlos sieben kleinkronige Obstbäume Platz – mit unterschiedlichen Obstarten, Reifezeiten und Geschmacksrichtungen der Früchte.

 

Abdeckung mit Netzen

  • Schutz vor Vögeln, Maden, Wickler etc.
  • Etwas Schutz bei Hagel
  • Maschenweite von 0,8mm hat sich gut bewährt
  • Weißes Netzmaterial ist besser als farbiges, wegen der geringeren Beschattung
  • Hitzeproblem ist kaum nennenswert, ab 30° wirkt sich die Beschattung durch das Netz sogar zum Vorteil aus und hat einen kühlenden Effekt
  • Besserer Schutz vor Schädlingen als beim „Spritzen“ und im Gegensatz dazu gesundheitlich völlig unbedenklich
  • Netze haben durchaus eine Lebensdauer (auch UV-Beständigkeit) von 10 Jahren bei pfleglichem Umgang.

Achtung:
Bevor ein Netz über einem Obstbaum angebracht wird, sollte man prüfen, ob der Baum blattlausfrei ist. Dr. Neumüller sprach von zwei Blattlauswellen, mit denen jährlich zu rechnen sei: Etwa zwei Wochen nach der Blüte und Ende Mai / Anfang Juni. Zur Blattlausbekämpfung gibt es verschiedene Methoden, wie etwa Brennnesseljauche und Seifenlauge, welche eher abends ausgebracht werden sollten, damit es zu keinen Verbrennungen der Blätter in der Sonne kommen kann.

Nach der Theorieeinheit ging es nach einer kurzen Pause weiter mit dem zweiten Teil des Tages, der Praxis des Obstbaumschnittes. Dr. Neumüller zeigt nun an verschiedenen Bäumen, wie das am Vormittag angeeignete Wissen umzusetzen ist. Gemeinsam wurde an einem Spindelstrauch, einem Spalier und einem Halbstamm überlegt, welche Triebe und Äste aus welchen Gründen zu entfernen sind und der Schnitt durchgeführt. Das Thema Waagrechtstellen der Triebe wurde noch einmal vertieft und in der Praxis gezeigt. Außer der Kronenerziehung ging Dr. Neumüller auch auf die Pflanzung und Bodenpflege der Obstbäume ein. An jeweils einem Beispiel wurde nun noch das Schneiden einer Johannisbeerspindel und einer Herbsthimbeere demonstriert. Abschließend nutzten die Teilnehmer die Fragerunde, bevor sich alle voller neuer Eindrücke und „vollgepackt“ mit vielen hilfreichen Informationen und Tipps verabschiedeten.

Baum von oben nach unten schneiden

Baum von oben nach unten schneiden

Hinweise zum Ableiten bei Spindel-Obstgehölzen

Hinweise zum Ableiten bei Spindel-Obstgehölzen

Johannisbeere Spindel

Johannisbeere Spindel

Spalier-Obstgehölz

Spalier-Obstgehölz

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