• Lehrgarten auf der Landesgartenschau Ingolstadt (Foto: Katrin Pilz)

Vom Baumwecken und Baumbusseln

Mythen, Bräuche und Geschichten rund um Bäume

“Habt Ehrfurcht vor dem Baum.
Er ist ein einziges großes Wunder,
und Euren 
Vorfahren war er heilig.
Die Feindschaft gegen den Baum ist
ein Zeichen der Minderwertigkeit eines Volkes
und von niederer Gesinnung des einzelnen.” 

Alexander von Humboldt

1. Baum und Mensch

Seit Anbeginn waren sie mit uns. Bäume waren schon lange hier bevor es uns gab. Nahezu alle Urmythen der Welt haben den Baum als ihr zentrales Symbol, er begegnet uns im Erkenntnis- und Lebensbaum der Bibel, im Geburts- und Erleuchtungsbaum Buddhas, im Initiationsbaum der Schamanen und auch im kosmischen Weltenbaum der Sumerer und Germanen.

Der Psychoanalytiker C.G. Jung erkannte, dass sich der Seelenzustand des Menschen durch nichts besser darzustellen vermag, als durch das Malen eines Baumes. So wird die Pflanze auch zum Spiegel unseres seelischen Befindens und hilft uns das Unterbewusste auszudrücken. Mit dem Malen eines Baumbildes beschreiten wir gewissermaßen auch eine Form des Erkenntnisweges. 

2. Dorf- und Gerichtslinden

Martin Luther nannte sie “unseren Friede- und Freudenbaum” und in dem Volkslied “Am Brunnen vor dem Tore” berührte sie einst das melancholische Gemüt und die Sehnsucht des 19. Jahrhunderts. Die Linde ist der Baum der Heimat. Sie vermittelt dem Menschen Geborgenheit und Wärme. Ihr sinnlicher Blütenduft im Sommer lädt geradezu ein zum Verweilen, Spielen und Träumen. Als Dorflinden waren sie einst wichtige Orte der Kommunikation und standen so den Menschen in Mitteleuropa am nächsten. Wohl keine Baumart gab im deutschsprachigen Raum mehr Orten, Wirtshäusern, Höfen und Familien ihren Namen als die Linde. 

Nur mehr wenige Bäume erinnern heute an die große Zeit der Dorflinden und ihre Symbolik der Rechtssprechung. Als Gerichtslinden wurde sie zur Hüterin des “iudicum sub tilia”, des Gesetzes unter der Linde. Bis heute finden sich zahlreiche alte Rechtsurkunden mit der Bezeichnung “… gegeben unter der Linde.” An dem Stamm der Dorflinde wurden Gesetze verlesen, Recht gesprochen und Steuern eingezogen. Nachdem sich die Ratsherren immer mehr von den Lindenbäumen in ihre eigens gebauten Ratshäuser zurückzogen, blieben die Dorflinden als wichtiger Versammlungspunkt erhalten. Mancherorts bekamen sie als Tanzlinden mit beeindruckenden Rundbühnen eine neue Bedeutung. 

Sei es als Allee, Dorfmittelpunkt, neben Wegkreuzen oder Kapellen, stets ist die Linde ein bewusst gepflanzter Baum. Zugleich schätzte man die Bäume auf Grund ihrer heilträchtigen Lindenblüten. So sagte man einst, dass die Linde deshalb so spät blüht, damit sie die Lichtkraft und Wärme zur Sommersonnenwende in ihrer Blüte einfangen kann, um diese dann ein halbes Jahr später wieder frei zu geben im wärmenden Schwitztee.

3. Bräuche und Symbolik von Bäumen und Sträuchern

Vor allem wegen ihrer symbolischen Ausdruckskraft spielten Bäume seit jeher auch eine bedeutende Rolle im Brauchtum. Teilweise haben sich Baumbräuche bis in die heutige Zeit überliefert und sind fest eingebunden in die Traditionen vieler Menschen.  

Der Richtbaum

Nach wie vor gepflegt wird vielerorts das Aufstellen eines so genannten Richtbaumes auf den Giebel des Dachstuhls nach der Fertigstellung des Rohbaues. Meist wird dafür ein kleiner Fichtenbaum geschlagen. Ursprünglich sollten damit die Naturkräfte, also die Leben spendenden Kräfte, in das neu entstehende Haus einkehren und vor schädigenden Einflüssen schützen.

Der Palmbaum

Im Voralpenland wird am Sonntag vor Ostern der so genannte Palmbaum auf Feld und Flur gesteckt, um damit Segen und Fruchtbarkeit für die kommende Ernte zu erbeten. Meist handelt es sich dabei um einen stark verästelten Weidenzweig (Palmkätzchenstrauch), der je nach Region an seinem oberen Ende mit allerlei buntem Bandwerk und kleinen Zweiglein von Buchs, Zeder oder Segenbaum (Wacholder), aber auch den ersten Frühjahrsblühern und Kräutern kunstvoll geschmückt ist. 

Vom “Baumwecken und Baumbusseln”

Einen ganz eigenen Ausdruck fand die Sehnsucht nach dem lebensspendenden “Grün” und die Unterstützung der Lebenskräfte in so manchem “Erweckungsbrauch”. Im Rupertiwinkel war es üblich am Abend vor dem Dreikönigsfest mit den Kindern in den Garten zu gehen und die Obstbäume der Reihe nach zu umarmen. Mit folgendem Spruch wurden diese symbolisch geweckt, um im neuen Jahr reich zu tragen.

“Bam i mog di und du trog
morgen is Dreikönigsdog
Schenk uns Äpfi, Zwetschgn, Birn
daß sie glei die Äst abbiagn.”

In Vorfreude auf die süßen Früchte beißen die Kinder anschließend in eine “Schmalznudel”, die ihnen die Mutter vorher gebacken hat.

In ähnlicher Weise wurde an Weihnachten das Baumwecken im Berchtesgadener Land begangen. Bauer und Dirn gingen dabei zu jedem einzelnen Obstbaum im Garten, klopften dreimal mit dem Stecken an den Stamm und sprachen dazu:

“Bam, Bam, wach auf, setz´ deine Blüahei auf.
Trog recht vui Äpfei oder Birn,
net grad für´n Bauern, aa für die Dirn.”

Der Holunder

Einer der treuesten Begleiter des Menschen innerhalb seiner Gartenanlagen ist der Holunder. Ob Blüten, Blätter, Beeren oder Bast, alles an dieser eigentümlichen Pflanze ist heilsam. Der Holunder galt gleichsam als der Strauch des Heils und der Hilfe schlechthin. “Vorm Holler ziagst Dein Huad!” war ein allseits bekannter Ausspruch. Ebenso der Satz: “Holler heb auf, Fieber setz di drauf!” bei dessen Ausspruch der Fieberkranke einen Holunderbusch berühren musste. 

Doch nicht nur für den Menschen stand der Holunder als “Hausapotheker”, sondern auch für das Vieh war der Holler ein Schutz. So war es üblich den Riegel zur Stalltür aus Holunderholz zu schnitzen, damit kein Unheil in den Stall eindringen kann. Ob Hollerküchl an Johanni, ob Hollerritzl, Hollamus und Hollerbüchsen oder der Hollerzweig als schützende Beigab in der Totentruhe, selten hat der Mensch einer Pflanze soviel wohlwollende und gute Eigenschaften zugesprochen wie dem Holunder.

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