„Vom Lesen zum Erzählen"

Mit Hilfe einer kurzen Tiergeschichte erarbeitete die Märchenerzählerin mit den Seminarteilnehmerinnen, wie man das Lesen und Erzählen von Märchen lebendig gestalten kann.
Grundsätzlich empfiehlt Brigitta Schieder, ein Märchen mehrfach und auch laut zu lesen, bevor man es einem Publikum vorträgt. Beim Erarbeiten des Märchens sollte man sich die wichtigen Wörter unterstreichen, damit es beim Lesen leichter fällt, an den richtigen Stellen zu betonen und Pausen einzulegen. Dadurch wird der Zuhörer auf das Wesentliche aufmerksam gemacht und die Spannung ist deutlich größer, als wenn der ganze Text nur eintönig „geleiert“ würde. Erzählt man von einem kleinen Mäuschen, sollte auch die Stimme eher klein und piepsig werden, kommt der Bär dahergestapft, hört sich das eher behäbig und brummig an. Auch die Gefühle im Märchen sollten sich in der Stimme wiederfinden. Bei lustigen Passagen können die angehenden Erzählerinnen ruhig ein Kichern einfließen lassen und ein ängstliches Stottern könnte entsprechend gestottert werden.
Als Übung wäre es sogar hilfreich, anfangs (für sich alleine) den Text übertrieben betont zu lesen. Damit prägt er sich besser ein und man wird ggf. auch die Scheu vor dem Experimentieren mit seiner eigenen Stimme verlieren.
Neben der Stimme kann und sollten die Erzählerinnen auch die Körperhaltung und Gestik gezielt beim Märchenerzählen einsetzen. So wird ein weiser Alter leicht gebeugt, dagegen ein Riese zu voller Größe aufgerichtet vor den Zuhörern stehen. Wenn im Märchen davon gesprochen wird, dass nach etwas gesucht wird, können die Erzählerinnen z.B. mit einer Hand die Augen gegen die Sonne abschirmen und in alle Richtungen blicken. So wird der Text viel lebendiger und das Publikum lauscht gespannt der Geschichte. Alle Übertreibungen sollten aber gemieden werden, denn sie lenken nur vom Inhalt ab und machen evtl. Angst.

Das Erzählen eines Märchens wird immer besser, je öfter man es erzählt. Aus dieser Erfahrung heraus empfiehlt Brigitta Schieder, nach dem mehrmaligen Lesen das Märchen zunächst im privaten Umfeld zu erzählen. Wenn möglich nicht komplett abzulesen, sondern immer wieder Passagen mit Blickkontakt zu den Zuhörern frei zu erzählen. Auch dies wird bei jedem Vortrag besser, da man natürlich durch die Wiederholung immer sicherer und vertrauter mit dem Text wird. Kleine Versprecher werden von Kindern meist gar nicht wahrgenommen und tun dem Erzählen keinen Abbruch. Lediglich Zaubersprüche oder andere markante Sätze sollten wortwörtlich immer gleich gesprochen werden.

Nicht nur für Neulinge beim Geschichtenerzählen ist es interessant, nach dem erzählten Märchen das Publikum zu fragen, was ihm gar nicht gefallen hat und natürlich auch, was besonders spannend war bzw. gut gefallen hat. Ein Gespräch mit den Zuhörern während des Erzählens sollte man vermeiden, denn darunter leidet die Spannung der Geschichte. Aber nach dem Erzählen können die Kinder ihre Eindrücke schildern und somit für sich selbst das Gehörte besser einordnen und verarbeiten. Auch kann man durch solch eine Gesprächsrunde gut zu einer kreativen Umsetzung des Märchens überleiten, wie beispielsweise eine Szene aus dem Märchen zu malen oder die Geschichte als Rollenspiel nachzuspielen.

In der Rubrik „Quellentage“ können auf der Internetseite von Brigitta Schieder Termine zu meditativen Märchentagen eingesehen werden. Ebenso kann man sich unter „News“ über Neuigkeiten, aktuelle Themen sowie öffentliche Erzählabende der Märchenerzählerin informieren. Alle Infos zur Erzählausbildung sind unter "Erzählausbildung" und weiter in "Erzählwerkstatt" und auch "EMG" zu finden.