„Märchen machen Mut"

Brigitta Schieder fasziniert ihre Zuhörer
Brigitta Schieder fasziniert ihre Zuhörer

Gleich zum Einstieg erzählte Brigitta Schieder (Dipl. Logotherapeutin, Märchenerzählerin, Autorin) ein Märchen über eine Maus, die den Wunsch hatte, ihr Leben zu ändern, im Dunkeln zu sehen und viele reife, leckere Bananen essen zu können. So verwandelte sie sich zur Fledermaus, was die anderen Fledermäuse erst mit Argwohn beobachteten. Aber schließlich wurde sie als eine der ihren akzeptiert, als sie ihre Angst überwand und auch noch das Fliegen lernte.
Dieses Beispiel zeigt, dass man nicht versuchen sollte, Märchen mit dem Verstand zu ergründen, sondern dass es viel wichtiger ist, der Fantasie freien Lauf zu lassen, so dass Bilder im Kopf entstehen können und man ins Träumen kommt. Dann gelingt es auch besser, dem tieferen Sinn des Märchens nachzuspüren, als wenn man die vermeintlichen Fakten des Märchens kritisch hinterfragt. Meist glückt das jüngeren Kindern leichter, denn je älter die Zuhörer sind, umso „sachlicher“ hören sie zu. Jüngere Zuhörer identifizieren sich gerne mit Märchenfiguren, können nachvollziehen, dass sich die kleine, vermeintlich unbedeutende Maus wünscht, anders zu sein. Auch Kinder wünschen sich Superkräfte, ein bestimmtes Tier zu sein oder dessen Eigenschaften zu haben. Dann kommt aber doch ein wenig Angst auf, diese Kräfte auch zu nutzen. Doch wer den Mut aufbringt und tatsächlich losfliegt, ist nicht nur der Held in der Geschichte, sondern zeigt auch, dass es sich lohnt, an seinen Träumen festzuhalten. Damit erreicht man viel mehr im Leben – und das gilt nicht nur für Kinder.

Was wirklich als Märchen bezeichnet werden sollte, sind vor allem Volksmärchen, also bereits uralte Geschichten, die mündlich über viele Generationen hinweg überliefert wurden, bevor sie jemand das erste Mal aufschrieb. Diese Märchen enthalten Botschaften und Weisheiten, die je nach Volks- und Kulturkreis unterschiedlich geprägt sind. Lebenserfahrung und Umfeld sowie Glaube beeinflussten die Märchen einer Region. Märchen sind jedoch weltweit fast immer Hoffnungsgeschichten, bei denen am Ende das Gute über das Böse siegt. Märchen, die kein gutes Ende haben, sollten jüngeren Kindern (etwa unter 10 Jahren) noch nicht erzählt werden. Generell sollte man je nach Alter der Kinder eine passende Märchenauswahl treffen.

Auch Sagen sind mündliche Überlieferungen, haben jedoch einen historischen Ursprung und kommen in der Regel ganz ohne Symbolbilder aus.

Mythen sind die ältesten Entstehungsgeschichten, welche sich teils unter religiösem Einfluss mit den Fragen beschäftigen: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Beispielsweise ist bei einigen Mythen deutlich erkennbar, ob in dem ursprünglichen Kulturkreis an ein Leben nach dem Tod geglaubt wird oder nicht.

Legenden wiederum sind Geschichten über Heilige oder andere Vorbilder, sozusagen aus dem echten Leben heraus entstanden, aber mit einer verschlüsselten symbolischen Aussage. Fabeln sind kurze Tiergeschichten, wobei die Tiere menschliche Züge bekommen (schlauer Fuchs, ängstlicher Hase, weise Eule). Dann gibt es noch sogenannte Kunstmärchen, die auf eine „erfindende“ Person zurückzuführen sind, also nicht mündlich überliefert wurden. Hier empfiehlt die Märchenerzählerin, Kunstmärchen Kindern erst ab etwa 10 Jahren nahe zu bringen.

Beim Geschichtenerzählen wird bei den Allerjüngsten mit "Ammenmärchen", also noch nicht den eigentlichen "Zaubermärchen" (die sind immer auch Entwicklungsgeschichten) begonnen. Das sind beispielsweise "Der dicke fette Pfannekuchen", "Wie der Schnee zu seiner Farbe kam" oder "Der Kobold und die Ameise".

Ab ungefähr 4 Jahren sind Kinder dann allmählich reif für echte Zaubermärchen, wie etwa „Der Wolf und die sieben Geißlein“, "Die Königstochter in der Flammenburg"  und "Die Bienenkönigin". Zaubermärchen zeichnen sich dadurch aus, dass Verwandlungen stattfinden oder etwas Magisches passiert.

Bis etwa 7 Jahre befinden sich Kinder noch im sogenannten magischen Alter. Beim Erzählen von Märchen tauchen sie ein in die Welt des Helden, identifizieren sich mit ihm und empfinden seine Gefühle nach. Ältere Kinder und Erwachsene hören ein Märchen, sind sich aber dessen bewusst, dass es sich um eine Geschichte handelt, der sie „nur“ mit ihrer Fantasie folgen.

Brigitta Schieder wurde schon öfter mit der Frage konfrontiert, ob und warum es in digitalen Zeiten noch Märchen braucht. Für sie ist ganz klar, dass Märchen dazu dienen, Lebenserfahrungen weiterzugeben bzw. daran teilzuhaben. Gefühle wie Hoffnung, Freude, Zuversicht, Mut, Liebe aber auch Wut, Enttäuschung, Misstrauen, Neid und Trauer werden deutlich spürbar bei den Märchen-Helden. Im Laufe eines Märchens wird aber immer auch aufgezeigt, wie man anfangs unüberwindlich erscheinende Probleme lösen kann, wenn man sich den Aufgaben stellt und dem eigenen Herzen folgt. Im geeigneten Kindermärchen wird kein "Märchenkind" alleingelassen, sondern erfährt Hilfe von anderen, so dass am Ende alles gut wird. Genau diese Zuversicht, dass alles gut enden wird, findet die Märchenerzählerin für Kinder sehr wichtig, heute noch genauso wie vor vielen, vielen Jahren.

Auch auf die Frage, ob Märchen nicht zu grausam sind, ging die Märchenerzählerin ein. Fest steht, dass Märchen nicht nur vom Guten, sondern eben auch vom Bösen handeln. Das gehört bereits für Kinder schon zur Lebenswirklichkeit. Auch würde es sonst zu keiner Spannung kommen und der Held der Geschichte hätte kein Abenteuer zu bestehen. Doch genau das ist es, was die Kinder so fasziniert. Aufgabe des Erzählers ist es, altersgemäße Märchen auszuwählen. Sofern das Märchen frei erzählt werden kann, kann der Erzähler mit seinem Publikum Blickkontakt halten. Dies wird nicht nur von den Zuhörern als angenehm empfunden, sondern der Erzähler bekommt die Reaktionen im Publikum unmittelbar mit und kann daher darauf reagieren, wenn Kinder z.B. ängstlich wirken. Die Erzählung kann über Stimme und Gesten angepasst werden. Das heißt: Wir verändern nicht den Text eines Märchens, erzählen aber die aufregenden Passagen zurückgenommen, sachlich, weniger dramatisch. Die Geschichte sollte jedoch bis zum Ende fertig erzählt werden, damit sich alles auflöst und vor allem die ängstlichen Kinder mitbekommen, dass trotz anfänglicher Probleme alles gut ausgeht. Auch solche Erfahrungen stärken das Urvertrauen ins Leben.

Die Märchenerzählerin empfiehlt, Märchen am besten frei zu erzählen und dazu keine Bilder zu zeigen oder etwa ein Märchen als Film zu präsentieren. Kinder können so zu dem Gehörten ihre eigenen Bilder im Kopf entstehen lassen und diese Bilder werden nur so viel an Details zeigen, was jedes einzelne Kind auch gut aushalten kann. Häufig sind in Bilderbüchern oder in Filmen Dinge dargestellt, die ein Kind sich niemals so vorstellen könnte und die es total überfordern und ängstigen. Auch Märchenerzählungen auf Tonträgern sind kritisch zu prüfen, weil sie oft mit schrecklich übertriebenen Stimmlagen  Ängste verursachen.

Bei Brigitta Schieder hat es sich sehr gut bewährt, über ein Ritual ins Märchenerzählen einzusteigen und dieses damit auch zu beenden. Das kann beispielsweise ein entsprechender Zauberspruch sein oder ein schön dekorierter großer Reifen, durch den die Kinder ins Märchenland hinein und wieder heraus steigen. Während sich der Erzähler und die Kinder im Märchenland befinden, wird so weit möglich in Märchensprache gesprochen und keiner wird ausgelacht, wenn er märchenhafte Ideen mit einbringt, denn im Märchenland ist grundsätzlich alles möglich. Möchte man mit den Kindern danach noch singen, tanzen oder basteln, wird auch dies natürlich noch im Märchenland durchgeführt, denn im Reich der tausend Möglichkeiten geht einfach alles leichter.

Der  formelhafte Anfang der meisten Märchen „Es war einmal ..“ oder „Vor vielen, vielen Jahren ... “ ist ein bekanntes Zeichen, dass nicht nur das Erzählen los geht, sondern es sich bei dem Erzählten zudem nicht um irgendwelche Geschichten, sondern um Märchen handelt. Gleich zu Beginn wird der Protagonist (Held) samt seinem Problem dargestellt. Das geschieht in aller Regel ohne detailliert beschreibende Adjektive. Aus dem Verhalten des  "Märchenkindes" und aller anderen Beteiligten, wird von Anfang an klar, welchen Charakter sie haben. Lediglich die Bezeichnungen "schön" oder "häßlich" tauchen relativ oft auf, weisen aber immer auf innere Schönheit, bzw. Bosheit hin.

Die Probleme sind immer wieder die gleichen, wie Armut, Krankheit, die Eltern sind gestorben oder der Held wurde ausgestoßen. Nun beginnt für den Helden die Reise bzw. das Abenteuer. Er versucht das Problem zu lösen, also beispielsweise sucht er nach einer Heilpflanze gegen die Krankheit oder er sucht nach einem Schatz, um seine Familie vor der Armut zu retten. Dabei wird verdeutlicht, dass es für den Helden zu Beginn des Märchens nicht leicht ist, jedoch ohne das Wort Angst auszusprechen. Der Held muss oft Mut beweisen, sich in Geduld fassen, Vertrauen haben und sein gutes Herz oder Mitleid zeigen. Mitunter muss er sich entscheiden, ob er flieht oder kämpft, und er darf sich nicht für dumm verkaufen lassen, wenn andere versuchen, ihn über den Tisch zu ziehen.
Nachdem der Held/die Heldin das Problem gelöst hat (einen Kampf gewann, einen Gegenspieler überlistete oder schwierige Aufgaben löste), teils mit Hilfe von weisen Alten, Feen oder hilfsbereiten Tieren, kommt es bei geeigneten Märchen für Kinder immer zu einem glücklichen Ende. Auch das wird symbolisch in "Bildern" erzählt und kann sein: Eine Hochzeit, ein neues Zuhause, Genesung von der Krankheit, oder der Sieg über die Armut der Familie. Vor allem bleiben der Held/die Heldin am Ende nicht alleine, sondern erfahren Geborgenheit und Liebe in einer Gemeinschaft.
Auch das Ende von Märchen wird durch einen formelhaften Spruch angezeigt: „Und wenn sie nicht gestorben sind ...“ oder „... und lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“

Sollte man nach dem Erzählen eines Märchens den Eindruck haben, dass ein Kind ungewöhnlich stark reagiert, rät Brigitta Schieder, dem Kind keine Verstandesfragen zu stellen, sondern es von seinen Gefühlen erzählen lassen und darauf einzugehen.

In dem Buch "Erzähl mir doch ein Märchen" sind Kriterien für die Auswahl von geeigneten Kindermärchen zu finden.Es beinhaltet über sechzig Volksmärchen, die zum Vorlesen für Kinder bis zum 10. Lebensjahr besonders geeignet sind. Die Märchen sind Themenkreisen zugeordnet, die im Leben eines jeden Kindes von Bedeutung sind. In einer Einleitung gibt die Autorin Brigitta Schieder Tipps zur pädagogischen Märchenarbeit, wie sie in den Bildungsplänen für den Elementarbereich vorgesehen ist.