Erzählen mit dem Kamishibai-Tischtheater

Märchenerzähler gibt es auf der ganzen Welt und im Laufe der Zeit haben sich regional teils sehr spezielle Formen entwickelt. So gibt es in Japan traditionell das Kamishibai, mit dem bereits in früheren Zeiten die Geschichtenerzähler von Dorf zu Dorf zogen, Geschichten erzählten und dann Waren, vor allem Süßigkeiten, im Publikum verkauften. Gerti Ksellmann ist keine Japanerin, aber auch sie erzählt Märchen sowie selbst erfundene Geschichten sehr gerne mit dem Kamishibai, welches von ihr liebevoll als „Geschichtenfernseher“ bezeichnet wird.

„Kam“ bedeutet Papier und „shibai“ Theater, und als Theaterbühne, auf der die Szenen mit Papierbildern dargestellt werden, kann man das Kamishibai auch verstehen. Der Erzähler kann seine Geschichten bildunterstützt vortragen, was vor allem für beginnende Geschichtenerzähler eine hilfreiche Unterstützung ist. Idealerweise wird eine Geschichte auswendig erzählt und anhand der Bilder ist es einfacher, den Roten Faden der Geschichte nicht zu verlieren und keine wesentlichen Inhalte der Geschichte zu vergessen.  Der größte Vorteil aus Gerti Ksellmanns Sicht ist es, dass man die Hände frei hat, denn das Papiertheater kann entweder auf dem Schoß oder noch besser auf einem kleinen Tisch stehen und so kann der Geschichtenerzähler entsprechende Gesten machen, passende Gegenstände zeigen, die Geschichte mit Finger- und/oder Handpuppen begleiten oder auch Musik mit einfließen lassen. So wird die Vorstellung für Kinder, aber natürlich auch für Erwachsene, abwechslungsreicher und lebendiger.

Gegenüber Kindern muss man nicht den fremdklingenden Begriff Kamishibai verwenden, man kann auch ankündigen, dass man eine tolle Sache dabei hat, nämlich den Geschichtenfernseher, das Märchenschloss, das Geschichtentheater ... je nachdem, welcher Begriff einen selber anspricht.
Nach den Erfahrungen der Märchenerzählerin ist es vorteilhaft, das Kamishibai in dunklen Farben anzumalen, da dann die gezeigten Bilder besser wirken. Besonders für klassiche Märchen ist die Gestaltung als Schloss natürlich ein besonderer Hingucker.

Zur musikalischen Umrahmung kann beispielsweise ein Instrument gespielt werden, wobei oft schon eine kurze, möglichst in der Geschichte immer wiederkehrende Melodie völlig ausreichend ist. Es gibt auch kleine Drehorgeln mit unterschiedlichsten Melodien, die sich gut eignen, sehr handlich sind und das Erzählen stimmungsvoll untermalen.

Geschichtenbilder können gestaltet sein:

  • Gekauft von z.B. Don Bosco (klassische und moderne Märchen, Sachthemen, religiöse Geschichten und Themen, Klanggeschichten)
  • Kalenderblätter
  • Beilagen von Kinderzeitschriften, z.B. Apotheke
  • Selber zeichnen
  • Buntstifte
  • Filzer
  • Wachsmalfarben
  • Aquarell
  • PC Grafik drucken, hat den Vorteil des gleichen Hintergrunds, auf dem sich das Motiv im Laufe der Geschichte ändert
  • Collage geklebt aus
  • Papierstücken
  • Gepressten Pflanzen
  • Zeitschriften
  • Fotos
  • Gemaltes …

Es empfiehlt sich, die Bilder zu laminieren und je Geschichte in einer Versandtasche, Bastelmappe o.ä. aufzubewahren.

Die Bilder sollten nicht mit Details überfrachtet sein, die für die Geschichte nicht relevant sind. Lieber schlicht halten und nicht überladen.

Eine Geschichte umfasst ca. 10-12 Bilder und dauert zum Erzählen ca. 20 Minuten.

Hexe und andere Bösewichte sollten nicht zu gruselig dagerstellt werden. Je nach Altersgruppe der Kinder evtl. besser ganz weglassen. Bei Hänsel und Gretel lieber nur das Lebkuchenhaus zeigen und von der Hexe lediglich erzählen.

Beim Kartoffelkönig kann symbolisch eine echte Kartoffel mit Krönchen mitgebracht werden. Beim Lebkuchenmann kann ein selbst gebackener Lebkuchen nach der Vorstellung gemeinsam gegessen werden. Bei einem Brennnesselmärchen kann man eine Brennnessel, bei der die Brennhaare unschädlich gemacht wurden mitbringen oder gar ein aus Brennnessel geflochtenes Seil.

Eine Geschichte kann auch komplett aus Fotos gestaltet werden. Die Hauptfiguren sollten gegenständlich vorhanden sein, also z.B. Hand- oder Fingerpuppe, Lego, Playmobil, Playmais, Schleichfiguren, Ostheimer … die man gemäß der Geschichte, die vorher festgelegt wird, in der entsprechenden Umgebung fotografiert werden. Diese Fotos in entsprechender Größe können später im Kamishibai gezeigt und die Geschichte dazu erzählt werden.
Mit der Grundlage von Fotos kann auch ein Theaterstück später wieder-erzählt werden. Während der Aufführung werden an markanten Stellen Fotos gemacht, die dann wiederum im Kamishibai das Geschichten-nach-erzählen unterstützen.

Möchte man einzelne Figuren auf einem (oder mehreren) Hintergrund flexibel einsetzen, so zeichnet, druckt, … man die Figur und laminiert sie einzeln ein. Bemalt man auch die Rückseite, kann sich die Figur auf der Bühne sogar in beide Richtungen bewegen.
Um die Figur auf dem Hintergrund zu fixieren, empfiehlt sich das Einsprühen mit z.B. „Uhu Sprühkleber 3 in 1“. Dazu die Rückseite nach Anleitung einsprühen, gut trocknen lassen und zur Aufbewahrung auf eine Folie kleben. Möchte man die Figur „tanzen“ lassen, befestigt man an der Figur nach oben einen längeren durchsichtigen Streifen (Reste von Laminierfolie), den man von oben festhält, so dass die Hände außerhalb der Bühne sind.
So eine Figur kann man auch mit Fell (Hase, Fuchs), Wolle (Schaf) bekleben und die Kinder fühlen lassen.
Man kann beispielsweise auch Stabfiguren verwenden oder gefilzte Figuren.

Wenn man etwas auf dem Hintergrund erst einmal verstecken möchte, kann man z.B. gepresste Blätter laminieren und über der Stelle fixieren, wo sich anfangs z.B. der Igel im Blätterhaufen versteckt.

Handpuppen, Spieluhr und andere Requisiten können zusätzlich zu den Bildkarten beim Erzählen benutzt werden. Stellt man das Kamishibai auf einen Tisch, hat der Erzähler die Hände frei und kann somit die Sachen selber bedienen bzw. halten. Ist im Publikum ein Geburtstagskind dabei, kann dieses z.B. die Spieluhr bedienen. Alltagsgegenstände, die in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen, kann man mitbringen und fühlen, riechen …  lassen, bei den Kindern nachfragen, ob sie die Dinge erkenne, wissen wie es heißt, ob sie auch so etwas haben…
Beispielsweise bei „Tiere im Handschuh“ kann man Handschuhe mitbringen, die idealerweise gleich aussehende, wie auf den Bildern.

Erfahrungsgemäß können Mädchen bis 9 und Jungen bis 7 Jahren  mit Geschichtenerzählen fasziniert werden. Es gibt natürlich Ausnahmen. Ältere Kinder können in der Geschichtenwerkstatt bereits selber Geschichten erfinden, gestalten und erzählen. Dabei sollte der Geschichtenerzähler nur moderierend einwirken, den Kindern und deren Phantasie ansonsten möglichst freien Lauf lassen.

 

Das Geschichtenerzählen

Geschichten können mit einer Handpuppe (= Freund) gemeinsam erzählt werden. Oder man stellt den Helden der Geschichte persönlich vor, lässt ihn von den Kindern streicheln, füttern ….
Die Handpuppe bzw. der Held der Geschichte werden vorgestellt (Namen, wo er wohnt, was er gerne macht, warum er da ist…). Entweder kann die Puppe selber sprechen oder sie flüstert dem Erzähler ins Ohr und der reagiert darauf, so dass das Publikum indirekt erfährt, was die Puppe gesagt hat. Die Körpersprache der Puppe sollte stark überzeichnet werden, so dass Emotionen wie Angst, Begeisterung, Scham, Freude … deutlich werden. Die Handpuppe sollte einen Charakter haben und sich entsprechend verhalten, also neugierig, ängstlich, mutig, faul …

Der Erzähler kann aus dem Ein- und Ausschalten des Geschichtenfernsehers ein Ritual machen und es immer mit den gleichen Worten einleiten. Man kann die Kinder mit einbeziehen, indem sie pusten, einen Zauberspruch aufsagen …  . Nicht nur einmal, sondern mehrmals wiederholen lassen, weil es anfangs zu schwach bzw. zu leise war.

„Kasten öffne Dich!“

Am Ende der Geschichte wird das Kamishibai geschlossen, ggf.ebenfalls mit einem Spruch oder Ritual. Nun können die Kinder beispielsweise befragt werden, was ihnen am besten gefallen hat, ob ihnen auch schon einmal so spannende Dinge passiert sind oder was sie in der gleichen Situation gemacht hätte. Aus den Antworten kann man für zukünftige Vorführungen Ideen beziehen, welchen Teil der Geschichte man evtl. weiter ausschmückt könnte oder dass die Geschichte vielleicht sogar ein neues Ende bekommt.

Gerti Ksellmann bietet neben dem Geschichtenerzählen auch eine sogenannte Geschichtenerzählwerkstatt an. In der „Werkstatt“ lässt sie das Publikum selber eine Geschichte erfinden. Das klappt mit Kindern sehr gut, denn diese haben immer verblüffende Ideen, wenn es darum geht, sich einen Helden und spannende Abenteuer auszudenken, die bestanden werden müssen, bevor es zu einem glücklichen Ende kommt.

Es gibt grundsätzlich Reihengeschichten und Heldengeschichten.

Reihengeschichten sind eher für Jüngere, z. B. Kartoffelkönig
Jemand mit einem Problem geht los und und sucht eine Lösung. Es gibt Wiederholungen, einprägsame Sprüche / Verse.

Heldengeschichten sind auch für Ältere geeignet. In einer Routine passiert etwas, ein Geschehen tritt ein. Es kommt zum Aufbruch, ein magischer Gegenstand (drei Haselnüsse) und ein Transportmittel (fliegender Teppich) spielen meist eine Rolle. Ein „böser“ Gegenspieler kommt hinzu, es kommt zum Kampf / Konflikt. Schließlich kommt es zur Erfüllung des Wunsches und einem glücklichen Ende.

Beim Erfinden der Geschichte soll nicht der Moderator die Vorgaben machen, sondern durch Fragen und Anregungen die Kinder lediglich lenken und anleiten, Ideen für die Geschichte zusammenzutragen.
Beispiele: Wie sieht der Held / die Landschaft aus? Wie riecht es? Wie schmeckt es? Was hört man? Welche Eigenschaften hat der Held (neugierig, mutig, fröhlich, scheu, frech …)?

Wollen die Kinder unterschiedliche Helden, muss gelost oder demokratisch abgestimmt werden.

Der Moderator sollte die genannten Stichpunkte notieren und immer wieder wiederholen, damit die Geschichte und ihre Eckpunkte den Kindern als „Roter Faden“ vor Augen sind. 

Wenn die Kinder die erfundene Geschichte selber malen, dann besser auf A4, das fällt ihnen meist leichter, da ihnen dieses Format besser vertraut ist. Vor Beginn des Malens sollten die Kinder darauf hingewiesen werden, den Rand freizulassen, da er durch den Holzrahmen verdeckt wird.

Je nach Alter der Kinder erzählt der Moderator die Geschichte zu den Bildkarten der Kinder noch einmal, bevor die Kinder selber ihre erfundene Geschichte bildgestützt erzählen. Besonders stolz sind Kinder, wenn sie ihre eigene Geschichte auch selbst vor Publikum (Eltern, andere KiGa-Gruppen, Schulklassen) vorführen dürfen. Zuvor sollten sie das Erzählen einige Male üben und mit etwas Mut können sie bereits ihren ersten Auftritt als Geschichtenerzähler erleben!

Auch die Märchenpatinnen durften sich unter der Anleitung von Gerti Ksellmann eine eigene Geschichte ausdenken. Schnell war die Heldin gefunden, es war die Weinbergschnecke Elvira, die etwas ganz besonderes ist, denn sie ist rosa, hat nur einen Fühler und ihr Haus ist linksdrehend, was nur sehr selten vorkommt. Aber seht selbst, welches Abenteuer sie im Eibenwald zu bestehen hatte:

Bilder kommen im dunklen Holzrahmen sehr gut zur Geltung

Bilder kommen im dunklen Holzrahmen sehr gut zur Geltung

Ein Blick durchs Schlüsselloch zeigt Überraschendes ...

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Fotos als Bildkarten erzählen eine Geschichte

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Handpuppen dürfen ihren Gefühlen freien Lauf lassen

Handpuppen dürfen ihren Gefühlen freien Lauf lassen

Tor vom Märchenschloss öffnet sich bei einer Melodie

Tor vom Märchenschloss öffnet sich bei einer Melodie