Im zweiten Abschnitt zu

„Das Gras wachsen sehen – Fotoprojekte mit Kids“

ging es erneut um praktische Umsetzungen zum Thema Fotografie. Ralf Bräutigam, Referent des Foto-Workshops, stellte die Cyanotypie vor.

Ralf Bräutigam mit einem fertigen Blaudruck bzw Cyanotopie
Ralf Bräutigam mit einem fertigen Blaudruck bzw Cyanotopie

Die Cyanotypie ist zwar weit weg von digitaler Fotografie, aber für die Jugendarbeit mit Sicherheit nicht weniger spannend.
Es handelt sich bei dem auch Blaudruck genannten Verfahren um das erste Fotoverfahren überhaupt. Dabei kommen Chemikalien zum Einsatz, die nicht giftig sind, denen man dennoch mit entsprechender Vorsicht und Schutzmaßnahmen (Brille, Mundschutz, Handschuhe) begegnen sollte.

Als erster Arbeitsschritt müssen zwei Lösungen hergestellt werden. Je nach Alter der Kinder / Jugendlichen kann das Mischen mit einem Zauberspruch für ein besseres Gelingen als Ritual eingeleitet werden.

Lösung 1 (fertige Lösung ist nicht lange haltbar, im Kühlschrank ca. 2 Wochen)
•    10 g Ammoniumeisen(III)-Citrat (grün, nicht braun!)
•    in 50 ml destilliertem Wasser auflösen

Lösung 2 (sehr lange haltbar, die gefährlichere Substanz der beiden Lösungen)
•    4 g Kaliumhexacyanoferrat(III)  (rotes Blutlaugensalz)  
•    in 50 ml destilliertem Wasser auflösen

Beide Lösungen sind getrennt noch nicht lichtempfindlich.

Alle folgenden Arbeitsschritte sollten in einer Art Dunkelkammer (evtl. Kellerraum oder Rollladen schließen) erfolgen, denn nun sind die Materialien lichtempfindlich und je mehr UV-Licht außer dem eigentlichen Akt des Fotografierens auf die Materialien fällt, um so weniger „scharf“ wird das Ergebnis. Eine Beleuchtung durch LEDs ist eher noch unproblematisch, Leuchtstoffröhren sollten hingegen vermieden werden.

Im folgenden Arbeitsschritt werden die beiden Lösungen in gleichen Teilen gemischt. Sobald diese Emulsion angefertigt ist, ist sie lichtempfindlich, sollte ab sofort also möglichst unter Ausschluss von UV-Strahlung weiterverarbeitet werden.

Die „trockenen“ Chemikalien können problemlos gelagert werden. Ralf Bräutigam vermeidet es, die angemischten Lösungen oder die fertige Emulsion aufzubewahren, sondern macht wenn dann auch gleich den nächsten Arbeitsschritt und bewahrt fertige Fotopapiere lichtdicht verpackt auf. Lichtdicht können die Papiere ca. 4 Wochen ohne Qualitätseinbuße verwendet werden, danach lässt die Qualität nach, aber für erste Versuche können die Papiere immer noch Verwendung finden.

Im nächsten Arbeitsschritt wird die Emulsion auf das zu bedruckende Medium aufgetragen. Das kann Papier oder Holz sein und natürlich kann man mit weiteren Materialien wie Stoffen experimentieren.
Für den Auftrag der flüssigen Emulsion verwendet Ralf Bräutigam am liebsten einen Pinsel mit Schwamm und streicht die Flüssigkeit auf das Trägermedium. Die Art des Auftragens (gerade Striche, parallel oder kreuz & quer, schwungvolle Linien, Tupfen, Kringel ...) der Emulsion wirkt sich auf das spätere Ergebnis aus. Wie so oft beim Fotografieren: einfach ausprobieren!
Wurde zu viel Emulsion aufgebracht, den Überschuss mit Löschpapier o.ä. abtupfen. Das Papier trocknet in ca. 1-2 Stunden, je nach Auftrag. Die Trocknung kann durch Föhnen beschleunigt werden. Wärme ist kein Problem. Aber nicht zum Trocknen an die Sonne hängen!

Am besten sollte man sich einen passenden Karton oder eine lichtdichte Tüte bereit legen, in die man die getrockneten Papiere legt, bis zum „Fotografieren“.

Bewährt hat es sich, dass bei einer Jugendgruppe zuerst die Motive ausgelegt werden. Also die Objekte (Fundstücke aus der Natur ....), die auf dem Foto dargestellt werden sollen, auf einer gleich großen Fläche, die auf dem Papier zur Verfügung steht, arrangieren. Diese Objekte müssen trocken sein. Ein Karton, etwas größer als das Fotopapier, ist als Unterlage zur Stabilisierung, zum Transport und zum Vermeiden des Verrutschens ein probates Hilfsmittel.

Nun sollte es relativ flott gehen, wenn das Fotopapier auf den Karton und die Fotoobjekte wieder auf das Fotopapier gelegt werden. Dieses Arrangement sollte nun zur natürlichen Belichtung in die Sonne gelegt werden und nicht mehr verrutschen.

Da die Sonne nicht immer gleich stark „belichtet“, kann zur Belichtungszeit keine genaue Angabe erfolgen. Grundsätzlich gilt, lieber zu lange als zu kurz belichten. Wenn die Schatten blaugrau und die Lichter türkisfarben erscheinen, ist ausreichend belichtet.
Alternativ zur Sonne könnten Selbstbräuner verwendet werden, da können dann auch je nach Gerät genaue Belichtungszeiten aus Erfahrungswerten ermittelt werden.

Im vorletzten Arbeitsschritt wird das Papier (oder ggf. Holz) in einer Wanne mit kaltem Leitungswasser „entwickelt“. Dabei wird ein Großteil des blauen Farbstoffs ausgewaschen. Die "Entwicklung" ist beendet, wenn sich keine blaue Farbe mehr löst und wenn der gelbliche Ton in den Lichtern komplett ausgewaschen ist.

Dem Entwicklungs-Wasser kann ein Schuss Essig hinzugefügt werden, dann erscheint das Blau später intensiver.

Der letzte Arbeitsschritt ist schlichtweg Trocknen. Da der Belichtungs- und Entwicklungsvorgang abgeschlossen ist, kann das Papier nun auch problemlos in der Sonne getrocknet werden.

... zum Papier
das Papier sollte größer sein, als das beabsichtigte Motiv. Die Emulsion nicht bis zum Rand auftragen, sondern lieber später das Papier auf die gewünschte Größe zuschneiden.
Aquarellpapier ist sehr gut geeignet, aber relativ teuer.
Ralf Bräutigam hat mit Skizzenpapier von Hahnemühle, 190g/m² gute Erfahrungen.

... Fotos auf Holz übertragen
Auch Fotos oder andere digitale Bilder können per Cyanotypie übertragen werden, was vor allem auf Holz einen ganz eigenen Charme hat.
Dazu sollte das Holz möglichst glatt gehobelt sein.
Das Foto bzw. Bild muss als Negativ auf eine Overheadfolie gedruckt werden, ideal ist hierfür ein Tintenstrahldrucker. So lange die Folie nicht nass wird (Aufdruck verschmiert), kann sie auch mehrmals verwendet werden.  
Die bedruckte Folie wird auf das mit Emulsion eingestrichene und getrocknete Holz gelegt und am besten am Rand mit Klebefilm fixiert. Nach der Sonnen-Belichtung wird das Holz im kalten Leitungswasser entwickelt und schon hat man ein Holzfoto, ein echtes Unikat!

Für Jugendliche ist so ein Ausflug in die Dunkelkammer, Hantieren mit Chemikalien und dem erlebbaren Prozess des Belichtens und Entwickelns eine äußerst spannende und auch lehrreiche Aktion, die meist den Wunsch nach Wiederholung auslöst.

Ralf Bräutigam kann für Fotoaktionen vor Ort gebucht werden, Mail: ed.odarom@liam. Er verfügt über eine größere Ausstattung mit analogen Spiegelreflexkameras, so dass auch eine Gruppenaktion möglich ist, ohne dass eigene Kameras durch die Teilnehmer benötigt werden.

arrangieren der Motive auf dem lichtempfindlichen Fotopapier

arrangieren der Motive auf dem lichtempfindlichen Fotopapier

Belichtung mit Solarbräuner wenn keine Sonne scheint

Belichtung mit Solarbräuner wenn keine Sonne scheint

Belichtung unter Solarbräuner

Belichtung unter Solarbräuner

fertig entwickelte Blaudrucke, links waren während dem Belichten die aufgelegten Objekte verrutscht

fertig entwickelte Blaudrucke, links waren während dem Belichten die aufgelegten Objekte verrutscht