Wilde Farben des Herbstes

Thea Zedelmeier, Allgäuer Wildkräuterführerin
Thea Zedelmeier, Allgäuer Wildkräuterführerin

Nach all den Vorträgen ging es im Nachmittagsprogramm des BV-Jugendseminars nun zum praktischen Teil mit dem Workshop „Wilde Farben des Herbstes“ von und mit Thea Zedelmeier.

Gleich einleitend wies die Allgäuer Wildkräuterführerin ganz eindringlich darauf hin, dass bei ihr das Malen in einer wertfreien Zone stattfindet. Jeder kann alles ausprobieren, ganz ohne Leistungsdruck oder Erfolgszwang. Sie wird verschiedene Mal-Techniken vorstellen und es wäre schön, wenn jeder Teilnehmer jede Technik einmal ausprobiert, doch für was sich jeder im einzelnen entscheidet, bleibt ihm überlassen. Sie stellt lediglich das Material und die Anregungen zur Verfügung, doch die Künstler entscheiden selber, in welcher Stilrichtung sie experimentieren und gestalten möchten.

Um ein wenig die Zusammenhänge bei den Farben verstehen zu können, erklärte Thea Zedelmeier, dass es grundsätzlich zwei Gruppen bei den natürlichen Farben gibt:

Anorganische Gruppe:
Dazu gehören die Erdfarben (z.B. Ocker, Umbra) und die Mineralfarben (z.B. Lapislazuli). Die Erdfarben  kamen bereits in der Höhlenmalerei vor 35.000 Jahren zum Einsatz. Bei allen anorganischen Farben wird ein Bindemittel benötigt, um mit ihnen malen zu können (z.B. Gummi Arabicum oder Leinöl).

Organische Gruppe:
Dazu gehören zum Großteil die Pflanzenfarben und zu einem kleinen Teil die Farben tierischen Ursprungs (z.B. Purpurschnecke, Cochenille-Läuse).

Pflanzenfarben sind i.d.R. nicht lichtecht.
Die meisten Pflanzenfarben sind wasserlöslich und daher relativ leicht zu gewinnen.
Pflanzenfarben werden verwendet bei:

  • Textilien
  • Lebensmittel
  • Kosmetik
  • Malerei

Thea Zedelmeier ließ nun einige Teilnehmer Schritt für Schritt die Vorbereitungen durchführen, um aus Pflanzenteilen gebrauchsfertige „Mal-Farben“ zu gewinnen und demonstrierte auf diese Weise sehr anschaulich die verschiedenen Möglichkeiten, wie man die Farbe einer Pflanze zu Papier bringen kann.

Roher Pflanzensaft
Früchte werden gesammelt und beispielsweise mit einem Kartoffelstampfer durch Drücken und Drehen gemust. Diese breiartige Masse wird durch ein feines Sieb oder ein Tuch passiert.

Mörsern
Blütenblätter oder andere eher weiche Pflanzenteile werden mit etwas Wasser im Mörser angestoßen und dann durch ein Tuch passiert.

Pflanzensaft auskochen
Pflanzenteile mit wenig Wasser auskochen. Je zarter das Pflanzenteil (Blüten), desto kürzer kochen, je härter/zäher das Pflanzenteil (Walnussschale, Wurzeln), desto länger auskochen. Die Masse anschließend durch ein feines Sieb oder Tuch passieren.

Grundsätzliches zum Malen

  • Zu Beginn jeder Malaktion darauf achten, dass die Kinder vorm Malen die Rückseite der Papiere mit ihrem Namen beschriften um späteren Verwechslungen vorzubeugen.
  • Den Arbeitsbereich zum Malen ausreichend abdecken, Tücher zum Auf- und Abwischen sollten griffbereit stehen.
  • Ausreichend Ablagemöglichkeiten zum Trocknen (ggf. auch Fön) vorbereiten.
  • Zum Einstieg in die Malaktion kleinere Formate wie z.B. Lesezeichen anbieten. Nach Erfahrung von Thea Zedelmeier fällt es Personen mit „Mal-Hemmungen“ oft leichter mit einem kleinen Format zu beginnen.

Kleckstechnik
Ein Schuhkartondeckel dient als flacher Behälter. Er wird mit einem Küchenpapiertuch ausgelegt. Darauf legt man das Papierstück, welches gestaltet werden soll. Mit einer Pipette oder einem Pinsel nimmt man etwas Farbe auf und verteilt einzelne Tropfen auf dem Papierstück. Nun kommen noch ein bis fünf Murmeln in den Deckel, das Papierstück sollte mit einem Finger festgehalten werden, damit es nicht verrutscht und los geht`s! Durch neigen des Deckels kommen die Schusser in Bewegung und so wird die Farbe auf dem Papierstreifen verteilt.
Die Farbkleckse oder -tropfen können auch noch anders be- und verarbeitet werden:

  • Mit einem Schaschlikspieß verziehen
  • Mit Strohhalm die Farbtropfen verblasen

Die Kleckstechnik eignet sich zum Einstieg einer Malaktion und für kleine und große Künstler, die Zweifel haben, ob sie malen können. Mit dieser Technik erhält jeder immer wieder schöne Ergebnisse, sie ist ideal für Lesezeichen oder andere kleinere Formate.

Reservierungstechnik
Mit Wachsmalkreide werden Bereiche des Papiers „reserviert“, die dann beim eigentlichen Malen keine Farbe annehmen. Man macht sich hier die wasserabstoßende Eigenschaft von Wachsmalfarbe zu nutze. Die Wachsmalfarbe wird überall dort kräftig aufgetragen, meist Ton in Ton mit der Papierfarbe, wo die Pflanzenfarbe ausgespart werden soll, so können z.B. Namen oder geometrische Muster eingefügt werden.

Stempeltechnik
Auf die Stempelfläche wird mit Hilfe eines Pinsels wenig Farbe aufgetragen. Die Stempelfläche sollte nicht tropf-nass sein. Der erste Abdruck des Stempels sieht immer anders aus, als die weiteren Abdrücke ohne erneuten Farbauftrag. Ein Stempel kann auch ganz bewusst am Rand des Papiers angebracht werden, so dass nur ein Teil des Motivs auf dem Papier zu sehen ist (randabfallend).
Es gibt sogenannte Indische Stempel, die so robust sind, dass sie sogar zum Prägen von Ton verwendet werden können. Leicht lassen sich individuelle Stempel für eine Aktion selber herstellen, indem man Kartoffeln halbiert und entweder frei Hand ein Motiv ausschneidet oder eine Ausstechform als Grundlade verwendet. Der Kartoffelstempel sollte vor dem ersten Farbauftrag mit einem Küchentuch von der Stärke abgetupft werden.

Blütenstempel
Frische Blüten (z.B. Stiefmütterchen und Phlox) können als ganzes auf Papier übertragen werden. Dazu legt man unter das Papier zwei Lagen Küchentücher, um einen weichen, leicht flexiblen Untergrund zu erhalten. Auf das Papier legt man die stängellose Blüte mit der „schönen“ Seite zum Paper hin. Als oberste Schicht folgt nun ein Stück Butterbrotpapier zur Abdeckung.
Bei ganz zarten Blüten genügt es nun schon, mit dem Fingernagel mehrmals fest über die Blüten zu fahren. Der Pflanzensaft wird aus den Zellwänden direkt auf das Papier gepresst. Ansonsten kann mit einem Hammer, idealerweise einem Gummihammer, leicht auf die Blüte geklopft werden, um den Vorgang zu verstärken.

Färben von Strohseide
Damit die Farbreste am Ende einer Malaktion sinnvoll aufgebraucht werden, färbt Thea Zedelmeier damit gerne Strohseide ein. Für schönere Farbergebnisse verwendet sie gebleichte Strohseide. Die Farbe wird mit einem dicken Borstenpinsel auf die Strohseide aufgetragen und dann an einer Wäscheleine o.ä. getrocknet.
Die gefärbte Strohseide ist ideal für die Collagentechnik.

aus Schmetterlingsflieder gewinnt man grüne Farbe

aus Schmetterlingsflieder gewinnt man grüne Farbe

Blütenstempel

Blütenstempel

Collagentechnik

Collagentechnik

Vorrat der Pflanzenfarben in Eiswürfeltüten anlegen

Vorrat der Pflanzenfarben in Eiswürfeltüten anlegen

Workshop Wilde Farben des Herbstes

Workshop Wilde Farben des Herbstes

Weitere Gestaltungsmöglichkeiten

  • Nach dem Trocknen können die Konturen der Farben mit einem Stift nachgefahren und dadurch betont werden.
  • Serviettentechnik kann nach dem Malen oder auch zuvor ergänzend eingesetzt werden. Gearbeitet werden kann mit Serviettentechnik-Lack oder

noch besser mit Cellulose-Leim.

  • Stanzteile von alten Buchseiten, Servietten oder Schmuckpapieren (Geschenkpapierreste) können vor oder nach dem Malen ergänzend aufgeklebt werden.
  • Durch Dekogold können nach dem Trocknen noch einzelne Akzente oder Goldsprenkel gesetzt werden. Zum Schutz des Dekogold Kleber auch auf die Oberseite der Goldschicht auftragen.
  • Bilder können mit „natürlichen“ Schreibwerkzeugen, wie angeschrägten Schilfhalmen oder Federkielen, signiert oder mit einem Text ergänzt werden. Aus einem nicht zu alten Schopftintling (Pilz) kann man sich selber Tinte herstellen. Genauere Rezept siehe Literaturempfehlung

Tipps der Farbexpertin:

  • Die Haltbarkeit von  rohen Pflanzenfarben ist auch bei einer Aufbewahrung im Kühlschrank mit zwei bis drei Tagen eher kurz, bevor es zur Schimmelbildung kommt. Gekochte Farbe – in Schraubdeckelgläsern abgefüllt -  hält im Kühlschrank bis zu ein paar Monate.
  • Um sich einen kleinen Vorrat anzulegen, kann der gewonnene Pflanzensaft portionsweise in Wasserwürfelbehälter oder –tüten eingefroren werden.
  • Je niedriger der hinzugefügte Wasseranteil ist, desto intensiver sind die Farben.
  • Hilfreich ist es, wenn man sich von allen Farbversuchen, die man durchführt, Farbmuster anlegt und in einem Ordner sammelt, evtl. mit einem kurzen Hinweis zur Farbgewinnung.
    Zudem kann man sich bei jeder Malaktion von den dabei vorhandenen Farben eine kleine Farbpalette anlegen, um die Farbwirkung der getrockneten Farben bereits beim Malen besser abschätzen zu können.
  • Pflanzensaft aus unterschiedlichen Sorten der gleichen Pflanzenart können zu deutlich unterschiedlichen Farbergebnissen führen. Beispielsweise bei Dahlien lohnt es sich, zu jeder Sorte, die man zur Verfügung hat, ein Farbmuster anzulegen.
  • Alle Pflanzenteile können grundsätzlich zum Färben genutzt werden: Blüten, Blätter, Rinde, Früchte und Wurzeln. Die Erfahrung zeigt, von welcher Pflanze welche Teile besonders zur Farbgewinnung lohnen.
  • Bei Versuchen zur Farbgewinnung von neuen Pflanzen empfiehlt Thea Zedelmeier immer zwei Durchgänge, um zu einem abschließenden Urteil über die „Farbqualität“ der neuen Pflanze zu gelangen.
  • Zum Malen mit Pflanzenfarben sollte wegen dem hohen Wasseranteil der Farbe auf dickeres Papier geachtet werden. Geeignet sind Aquarellpapiere, die jedoch relativ teuer sind, doch genau so gut können Fotokartons verwendet werden, die selbst in die gewünschte Größe zugeschnitten werden können.
  • Pflanzenteile können auf Vorrat getrocknet werden, um sie dann später bei Bedarf zur Farbgewinnung auszukochen. Hierzu eignen sich alle Pflanzenteile.
  • Nach Erfahrung der Referentin ergeben Bio-Früchte ein schöneres Farbergebnis, da diesen Früchten eine längere Wachstumsphase zugestanden wird und somit mehr Farbstoffe gebildet werden können.
  • Es gibt zwar in der Natur aufgrund des Chlorophylls sehr viele grüne Pflanzenteile, doch lässt sich dieses nicht als Farbstoff gewinnen, da es nicht wasserlöslich ist. Mögliche Alternativen: z.B.  Blüte des Schmetterlingflieders,  von Dost, von lilafarbenen Dahlien, von gelbem Sonnenhut, …
  • Alaun (Doppelsalz) kann als Hilfsmittel in der Pflanzenfärberei eingesetzt werden. Es wirkt zusammenziehend und kann daher den Farbstoff besser aus den Pflanzenteilen ziehen. Meist gibt man ein bis zwei Teelöffel ins Kochwasser. 
  • Zum Textilfärben mit Pflanzenfarben ist i.d.R. eine Behandlung mit einer Beize notwendig, ansonsten nehmen die Stoffe die Farbe nur sehr schlecht an.
  • Bei der Farbgewinnung durch Mörsern gegenüber dem Auskochen kommt es beim späteren Malen manchmal zu schöneren Farbergebnissen bzw. zu anderen Farbergebnissen.
  • Vor allem bei Aktionen mit Kindern ist zu beachten, dass einige typische Färbepflanzen leicht giftig (z.B. Liguster, Kermesbeere) sind oder zu allergischen Reaktionen (Weinraute) führen können. In diesem Fall bitte mit

Handschuhen arbeiten bzw. ausschließlich mit ungiftigen Pflanzen arbeiten.

  • Beim Auskochen der Farben mit Kindern auf ausreichend Hitzeschutz durch entsprechende Handschuhe achten, Topfgriffe werden oft auch sehr warm.
  • Auf Fragen bezüglich der Verschwendung von Lebensmitteln entgegnete Thea Zedelmeier, dass sie zur Farbherstellung bevorzugt sozusagen B-Ware verwendet, also Früchte, die i.d.R. für den Verzehr nicht verwendet werden, wie z.B. Früchte und Pflanzen vom Straßenrand, bereits abgefallene Beeren vom Boden oder Früchte, die bereits etwas eingetrocknet sind.
  • Die Farbstoffgruppe der Anthocyane, vor allem bei roten und blauen Blüten/Gemüse (Malven, Rotkohl), kann für „Zaubertricks“ verwendet werden. Die Anthocyane reagieren sehr empfindlich auf den ph-Wert. Wird also einem Rotkohl-Pflanzensaft Säure in Form von Essig oder Zitronensaft hinzugefügt, wird ein deutlicher Farbwechsel sichtbar. Das Hinzufügen von Natron verändert den ph-Wert in den basischen Bereich und führt ebenfalls zu einer Farberänderung.
    Aber Achtung, durch die Veränderung des ph-Wertes wird die Farbe extrem lichtempfindlich, so dass bereits nach wenigen Wochen die gemalten Farben deutlich verändert sind. Daher lieber mit Essig, Zitrone oder Natron nur „zaubern“, als sich Wochen später über ein verblasstes Bild wundern.

Der Nachmittag verging wie im Fluge, als die Teilnehmer nun alle Farben, Techniken und Gestaltungsmöglichkeiten ausprobieren konnten. Im Grunde gab es „nur“ neun Farben und jede Menge Papier. Doch durch Malen, Mischen, Hämmern, Kleben, Tropfen, Stempeln, und Klecksen entstanden völlig unterschiedliche Gemälde. Manch einer, der zu Tagesbeginn noch dachte, er könne gar kein „g´scheites“ Bild malen, ging am Ende mit Kunstwerken nach Hause, die sowohl als Geschenk Aufsehen erregen dürften als auch als Zierde für das eigene Heim eine schöne Erinnerung an diesen farbenfrohen Kurs darstellen.

Kunstwerke der Teilnehmer, teils fertiggestellt oder noch bei der Entstehung:

Literaturempfehlungen von Thea Zedelmeier:

Werkstatt Pflanzenfarben: Natürliche Malfarben selbst herstellen und anwenden
von Helena Arendt
ISBN-10: 3038004073

Entdecke die Farben der Natur
von Helena Arendt
ISBN-10: 3258600430

Kleines Rezeptbuch der historischen Tinten
von Nicolaus Equiamicus
ISBN-10: 3890945937