Lebensraum Streuobstwiese

Tina Hermanns, Streuobstpädagogin
Tina Hermanns, Streuobstpädagogin

Als nächster Programmpunkt stand das Thema „Lebensraum Streuobstwiese“ auf dem Tagesablauf. Die Referentin Tina Hermanns stellte sich kurz selbst vor:

Sie ist die erste Streuobstpädagogin in ganz Bayern.

Die Ausbildung hat sie in Baden-Württemberg absolviert, denn eine vergleichbar umfassende Ausbildung gibt es derzeit in Bayern nicht. Ihr Anliegen ist es, den Kindern die Natur nahe zu bringen bzw. die Kinder überhaupt wieder einmal zu einem Ausflug in die Natur anzuregen. Der Lebensraum Streuobstwiese erscheint ihr dazu besonders geeignet, da es einer der artenreichste Lebensräume in Europa sei, mit etwa 5.000 Tier- und Pflanzenarten. Es gibt also immer etwas das wächst, blüht und gedeiht oder krabbelt, brummt und summt. So kann mit Kindern viel beobachtet, entdeckt und ausprobiert werden, es kommt bestimmt keine Langeweile auf und sobald bei den Kindern das Interesse erst einmal geweckt ist, lernen sie wie von selbst im „ grünen Klassenzimmer“ ganz ohne Leistungsdruck und Stress, sondern einfach nur, weil es ihnen Freude bereitet.

Tina Hermanns stellte das Jahresprogramm mit 11 Aktionen vor, das sie bei ihrer Ausbildung zur Streuobstpädagogin in Böblingen kennen lernte. Es handelt sich um Einzelaktionen, die jedoch im Jahreskreis aufeinander aufbauen bzw. ineinander greifen, und so ihrer Meinung nach also vor allem in der Gesamtheit den Kindern ein Bewusstsein für die Zusammenhänge in der Natur nahe bringen. In Baden Württemberg wird das Jahresprogramm als Gesamtpaket bei den Grundschulklassen über ein Kalenderjahr durchgeführt und von den Kommunen finanziert. Tina Hermanns hat bisher in einzelnen oberbayerischen Klassen Einzelaktionen durchgeführt, etwa im Rahmen der Gesundheitstage, was bei den Schülern und Lehrkräften gleichermaßen auf große Begeisterung stieß.

Tina Hermanns Wunsch ist es, auch in Bayern dem Jahreskreis folgend alle Aktionen mit einer festen Gruppe oder Schulklassen durchführen zu können. So sähe der Idealfall aus:

 

November bis Februar:

Einführung, erste Wiesenbegehung

November bis März:

Baumpflanzung

Dezember bis Februar:

Spurensuche im Schnee

Februar bis Mitte März:

Nistkästen für Vögel, Fledermäuse, Hornissen bauen und aufhängen, Sitzstangen für Greife bauen, Baumschnitt, Reisigbüschel binden

März bis April:

Nisthilfen für Ohrwürmer und Wildbienen

April bis Mai:

Honigbienen/Imkerei besuchen

Ende April bis Mitte Mai:

Wildkräuterwanderung, Backhaus Pizza backen

Mitte Mai bis Anfang Juni:

Wiesenblumenwanderung

Mitte Juni bis Mitte Juli:

Heuernte (3 Tagesprojekt bei stabiler Wetterlage)

Juli bis September:

Insekten und andere Kleintiere beobachten

September bis Mitte Oktober:

Apfelernte

Oktober:

Saft pressen, Besuch in der Mosterei, Vergärung

Oktober bis November:

Obst dörren, im Backhaus backen

November bis Januar:

Apfelverkostung

November bis März:

Tiere im Winter

 

Das Jahresprogramm ist für die 3. und 4 Jahrgangsstufe ausgelegt, kann aber natürlich auch mit kleinen Abwandlungen an Schüler der zweiten und ersten Klasse angepasst werden. So können bei der anfänglichen Wiesenbegehung die jüngeren Kinder mit Schritten oder Maßband die Größe der Streuobstwiese und die Anzahl der Bäume ermitteln. Ältere Kinder können die Bäume ggf. bereits differenziert nach Obstsorten erfassen, maßstabsgetreu einen Grundriss zeichnen und die Bäume kartieren. So gibt es immer Variationsmöglichkeiten, um die Aufgaben und „Erlebnisse“ dem Alter und der Anzahl der Kinder anzupassen.

Die Winter sind auch in Bayern nicht immer schneesicher, jedoch garantiert Tina Hermanns, dass man bei jeder Spurensuche auf spannende Hinweise und Geschichten stoßen kann, wenn man nur einige Punkte beachtet. Selber geht sie am liebsten beim Wandern auf Spurensuche, egal ob im Winter oder zu einer anderen Jahreszeit. Man muss nur einige Meter abseits der ausgetretenen Pfade suchen und Kinder finden immer ein Trittsiegel, Fraßspuren (an Zapfen, Federn u.ä.), Gewölle, Haare / Federn, Höhleneingänge, Kratzspuren etc. Zur Grundausstattung bei der Spurensuche zählen gute Bestimmungsbücher, um das Trittsiegel oder andere Fundstücke der richtigen Tierart zuordnen zu können. Auch Käfer und andere Krabbeltiere sind für Kinder immer wieder spannend zu bestimmen. Mit etwas Übung kann man aufgrund der Abstände bei den Trittsiegeln auch erkennen, ob ein Tier langsam oder schnell unterwegs war und wo es ggf. eine Pause einlegte.

Damit den Kindern die Zuordnung mit einem Bestimmungsbuch leichter fällt, sollte man sie vorab auf die Unterscheidungsmerkmale der einzelnen Trittsiegel hinweisen. Im Winter ist es auch immer noch hilfreich zu wissen, welche Tiere überhaupt aktiv sind, denn wer Winterschlaf hält hinterlässt natürlich keine Spuren. Dieses Wissen kann leider nicht selbstverständlich vorausgesetzt werden, doch die Kinder lernen durch ihre Neugier sehr schnell!

Tina Hermanns führt mit Erwachsenen Schnittkurse statt und aus dem anfallenden Schnittgut bindet sie mit den Kindern Reisigbündel. Diese müssen zwei Jahre trocknen und können dann zum Anschüren des Feuers beim Brotbacken oder anderen Kinderaktionen genutzt werden. Nur ein kleines, weiteres Beispiel für den Kreislauf und das Ineinandergreifen des Jahresprogramms.

Die Aktion Apfelsaftpressen startet mit dem Schütteln des Baumes, dann werden die Äpfel vom Boden aufgelesen und in Kisten oder Körben gesammelt. Gewaschen werden die Äpfel in den Muser geworfen. An diesem Gerät ist Vorsicht geboten und immer ein Erwachsener zur Aufsicht abgestellt. Jeder kurbelt beim Muser seinen hineingeworfenen Apfel und ist als nächstes zum Halten des Musers dran. Auch hier bewährt sich der Kreislauf als System. Das „Apfelmus“ wird in die Presse umgefüllt und auch hier kommen alle Kinder wechselweise zum Einsatz.

Auch wenn schon alle Kinder auf`s Verkosten brennend warten, nähert sich Tina Hermanns diesem Höhepunkt mit einigen Zwischenschritten. Nach der genauen Betrachtung der Frucht (s.u. Obstsortenverkostung) wird nun auch der Saft eingehend untersucht. Durchsichtige Becher oder Gläser lassen die Farbe vergleichen, jedes Kind darf schnuppern und die Eindrücke werden gemeinsam besprochen bevor nun - endlich! - der selbst gepresste Saft gekostet werden darf. Solch eine Verkostung, natürlich auf der Streuobstwiese inmitten der Natur, wird den Kindern sehr lange im Gedächtnis bleiben und sie werden zukünftig Äpfel viel mehr zu schätzen wissen.

Die Obstsortenverkostung lässt sich auch in einem Schul-Klassenzimmer durchführen, jedoch ist es für die Kinder ein beeindruckenderes Erlebnis, wenn sie die Äpfel inmitten einer Streuobstwiese kosten können.

Erst einmal werden die noch ganzen Äpfel betrachtet und in der Runde beschrieben (Farbe, Größe, Form ...). Äpfel können längs sowie quer aufgeschnitten und das Innenleben erforscht werden. Dabei erarbeiten die Kinder die Bezeichnungen der einzelnen Bestandteile und tragen sie auf einem Arbeitsblatt ein.
Nach den optischen Eindrücken gibt es noch den Geruch zur Sinneswahrnehmung. Wenn auch diese Eindrücke notiert sind, kommt es zum Höhepunkt, der eigentlichen Verkostung: Auf der „Apfeluhr“, einem runden Teller, werden Schnitze von 6 verschiedene Sorten Äpfel gelegt und parallel auf dem Arbeitsblatt beschriftet. Endlich darf jeder herzhaft zubeißen! Jeweils eine Sorte nach der anderen wird verkostet und beschrieben. Nach der ersten Sammlung von Eindrücken lässt Tina Hermanns die Kinder noch einmal ein Stück Apfel in den Mund nehmen und bewusst lange kauen. Oft werden dabei neue Geschmacksnuancen festgestellt, die die Kinder vorher gar nicht wahrgenommen haben. Am Schluss wählt die Klasse noch ihre Lieblingssorte.
Ganz wichtig ist Tina Hermanns den Kindern beizubringen, dass nach dem Ausschneiden von schadhaften Stellen, der Rest des Apfels immer noch gut ist und verzehrt werden kann. Nur Äpfel mit Schimmelbefall werden komplett aussortiert.

Das Dörren kann gut in Kombination mit der Obstsortenverkostung durchgeführt werden. Die (nach der Verkostung übrigen) Äpfel schneidet man in ca. 5mm dicke Scheiben (das Kerngehäuse wird entfernt), fädelt die Apfelscheiben auf Schnüre und hängt sie z.B. im Klassenzimmer oder einem anderen warmen Raum auf. Die einzelnen Scheiben dürfen sich nicht berühren. Das Trocknen dauert ca. zwei bis drei Tage.

Nicht nur der Lebensraum Streuobstwiese funktioniert am besten, wenn alle, also Tiere und Pflanzen im Gleichgewicht sind, unabhängig davon, ob Menschen sie als Schädlinge oder Nützlinge empfinden. Um die Insekten allgemein zu unterstützen, können Kinder Nisthilfen anfertigen. Für Insekten wäre es eine große Hilfe, wenn die Gärten im Herbst nicht so sehr „aufgeräumt“ werden, sondern wenn Ecken mit Laub, eingetrocknete Pflanzenstängel und andere natürliche Nisthilfen den Winter über belassen würden. Für diese wichtige Botschaft sind Kinder die idealen Botschafter. Wenn Kinder um diese Zusammenhänge wissen, intervenieren sie meist sehr zuverlässig und ausdauernd, wenn die Eltern den Garten zu ordentlich aufräumen und sorgen so für natürliche Winterquartiere im heimischen Garten.

Doch es können auch Nisthilfen gebaut werden, die von den Tieren meist sehr gerne und schnell angenommen werden:

Wildbienendose
Deckel und Boden einer Dose entfernen, Ränder glätten
Zweige von Holler oder Brombeere auf die Länge der Dose zuschneiden und die Dose damit füllen
Dose entfernen, Bündel mit einer Schnur umwickeln für besseren Halt und wieder in die Dose stecken
stabile Schnur zum Aufhängen anbringen

Wildbienenholz
Eine Ast- oder Baumscheibe (am besten Hartholz) , ca. 10cm dick   
Holz an der Stirnseite mit 3er und 5er Bohrer ca. 7cm tief anbohren
Achtung: Bei langen Haaren darauf achten, dass diese nicht in den Bohrer geraten, Tina Hermanns empfiehlt lieber einen Akkubohrer als beispielsweise eine Ständerbohrmaschine zu verwenden

Wildbienendose und Wildbienenholz sollten an einer sonnigen, regenschützten Stelle und in der Nähe von Futterpflanzen aufgehängt werden.

Ohrwurmwohnung
Blumentopf aus Ton, ca. 12cm Durchmesser, mit Abzugsloch
Heu, Stroh oder Holzwolle als Füllmaterial
kurzes Aststück / Reiser und Schnur
Schere, Gartenschere

Ein lockeres Knäuel des Füllmaterials wird etwa in Größe des Topfes zusammengebunden und daran ein kurzes Aststück geknotet. Das Ende der Schnur zieht man vom Topfinneren nach außen durch das Abzugsloch und diese Schnur dient zugleich zur Aufhängung der Ohrwurmwohnung. Beim Aufhängen in einem Baum sollte die nach unten hängende Öffnung des Topfes den Baum berühren, da Ohrwürmer deutlich lieber krabbeln als fliegen und so leichter das neue Domizil beziehen können.

Das Mähen für die Heuernte ist Aufgabe von Erwachsenen. Sehr beeindruckend für die Kinder ist es, wenn ihnen das traditionelle Mähen mit der Sense gezeigt werden kann. Auf Grund der Höhe des Grases kommt alternativ eine Motorsense oder ein Balkenmäher zum Einsatz. Sehr wichtig ist in jedem Fall, dass die Wiese nicht am Stück gemäht wird, sondern auf Etappen, damit die beim Mähen aufgeschreckten Tiere eine Flucht- und vor allem Zufluchtsmöglichkeit haben.

Für die Heuernte ist eine Schönwetterprognose von drei aufeinanderfolgenden Tagen wichtig. Am Vorabend wird gemäht.

Tägliche Arbeit an allen drei Tagen: Morgens und mittags wenden die Kinder mit Rechen oder einfach mit den Händen das Heu, jeweils ca. 15 Min. Arbeitsaufwand.
Am Abend des ersten und zweiten Tages rechen Kinder und Erwachsene das Heu für die Nacht auf einen Schlag zusammen.
Am Abend des dritten Tages wird die Ernte eingefahren.

Trocknung auf Hoanzeln
Das am Vorabend gemähte lange Gras wird in Büschel genommen, mittig geknickt und von unten nach oben auf dem Holzgerüst (= Hoanzel) aufgelegt. Als oberen Abschluss, sozusagen als Dach, wird ein besonders dickes Grasbüschel daraufgesetzt.

Die Kinder haben vor allem mit den Hoanzeln einen Riesenspaß, denn sie können zwischen all den Gras-Hindernissen Fangen spielen, sich verstecken oder auch einfach nur stolz das Ergebnis ihrer Arbeit betrachten.

Abschließend wird das trockene Heu von den Kindern in Kisten oder Wannen gepresst und mit Schnüren zu Ballen gebunden. Über dieses tolle selbstgemachte Heu freuen sich viele Vierbeiner wie Hamster, Kaninchen & Co.!

Bei einer Wiesenblumenwanderung können Kinder einzelne Blumen pflücken und anschließend gemeinsam mit Hilfe von Bestimmungsbüchern die Arten bestimmen. Vorab müssen Regeln zum Umgang mit der Natur besprochen werden, dass z.B. keine Wurzeln ausgerissen werden und kein Raubbau betrieben wird.
Lupendosen und kleine Gläser sind eine große Hilfe beim Fangen und Bestimmen von kleinen Krabbeltieren. Auch hier werden vorab der Umgang mit den gefangenen Tieren und die anschließende Freilassung besprochen, um unnötige Verletzungen zu vermeiden.
Tina Hermanns sammelt gerne tote Tiere und hat so bereits einige Anschauungsbeispiele für die verschiedensten Arten von Bienen, Hornissen und Käfern, aber auch eine Libelle gehört zu ihrem Fundus.
Besonders spannend finden es die Kinder, wenn Tina Hermanns ihnen Geschichten über Pflanzen und Tiere erzählen kann, wie etwa von den Ameisen und dem Bläuling. Anfangs schleppen die Ameisen die Larven des Bläulings in ihren Bau und umsorgen diese, doch wenn der Bläuling schlüpft muss er schnell verschwinden, sonst wird er als Eindringlich erkannt und verspeist.

Tina Hermanns gab den anwesenden JuLeis den Tipp mit auf den Weg, bei jedem Ausflug und jeder Aktion ein paar Bestimmungsbücher dabei zu haben, denn die Kinder entdecken immer etwas, von dem sie wissen möchten, wie es heißt, woher es kommt und was man damit machen kann. Die Neugier der Kinder ist der beste Antrieb, ihnen die Natur nahe zu bringen und man muss ihnen eigentlich nur die Möglichkeit bieten, diese in Ruhe erforschen zu können.